Hertha-Stürmer : Adrian Ramos: Momente fürs Poesiealbum

Mit seinem Tor gegen Düsseldorf deutet Herthas Stürmer Adrian Ramos an, was in ihm steckt - und warum ihn die Berliner unbedingt halten wollen.

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Selten schön. Adrian Ramos löffelt den Ball über Düsseldorfs Torhüter Michael Melka zum 4:2 für Hertha ins Tor.
Selten schön. Adrian Ramos löffelt den Ball über Düsseldorfs Torhüter Michael Melka zum 4:2 für Hertha ins Tor.Foto: dapd

Berlin - Die Geschichte mit dem Plagiat hat Adrian Ramos später am Nachmittag erzählt. Als die Mikrofone und Kameras schon abgeschaltet waren, die Fans sich in den S-Bahnen drängten und noch schwärmten von der aufregendsten Szene, die dieses aufregende Spiel zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf zu bieten hatte. Von diesem zauberhaften Tor in den letzten Sekunden der Nachspielzeit. Ramos hatte es erzielt, nein: komponiert, als er den Ball mit einer dreisten Löffelbewegung in den Berliner Himmel hob. Der Torhüter riss noch den Arm nach oben und musste doch machtlos mit ansehen, wie der Ball ins Netz segelte, gerade noch so, bevor der heranstürmende Pierre-Michel Lasogga die Urheberschaft dieses finalen 4:2 für sich reklamieren konnte.

Es war ein Tor für das Poesiealbum der sonst eher handwerklich orientierten Zweiten Liga und für Adrian Ramos doch kaum mehr als eine Kopie, die nichts mehr hatte vom Zauber des ersten Mals. „So ein Tor hab ich schon mal in Kolumbien geschossen“, sagte Ramos und erzählte in kurzen Sätzen die Geschichte vom Derby zwischen seinem damaligen Klub America de Cali und Atletico Nacional Medellin. Wie er mit einer Körpertäuschung zwei Verteidiger ins Leere laufen ließ, den Torhüter mit einem angedeuteten Schuss narrte und den Ball mit viel Gefühl im rechten Fuß ins Tor schlenzte.

Wegen solcher Tore haben sich die kolumbianischen Fußballfans in Gustavo Adrian Ramos Vasquez verliebt. Vor zwei Jahren platzierte ihn das Onlineportal „Futbol Siempre Futbol“ an die Spitze der elf besten Spieler der nationalen Liga Primera A, und so richtig haben sie es daheim bis heute nicht verstanden, warum Ramos nicht bei einer größeren Adresse des europäischen Fußballs untergekommen ist. Das ist gar nicht so falsch gedacht, bezieht sich aber nur auf die guten Tage, wenn dem Stürmer so gut wie alles gelingt.

Es gibt aber auch Tage, an denen er kaum einen Fuß vor den anderen bekommt. Dass Ramos technisch nicht besonders gut ausgebildet ist, lässt sich beim Aufwärmen beobachten, wenn ihm bei simplen Passübungen der Ball zuweilen so unberechenbar vom Fuß springt wie früher bei Jürgen Klinsmann (der nicht zufällig den Spitznamen Flipper trug). Als er im Spätsommer 2009 nach Berlin kam, ließ Herthas Kapitän Arne Friedrich in der internen Diskussion schnell durchblicken, was er von dem neuen Stürmer hielt, nämlich gar nichts. Ein paar Wochen und Tore später musste sich Friedrich kleinlaut korrigieren.

An Ramos und seinen zehn Toren in 29 Bundesligaspielen lag es nicht, dass Hertha im vergangenen Frühling in die Zweitklassigkeit taumelte. Denn bei allen Defiziten verfügt er über einen Instinkt für besondere Momente und ein annähernd perfektes Timing. Seine storchartigen Beine tragen ihn mit schlafwandlerischer Sicherheit durch das dichteste Abwehrgetümmel. Es sind Spieler wie Adrian Ramos und sein brasilianischer Freund Raffael, die Herthas Wiederaufstiegskampagne tragen und mit ihrer Virtuosität im Angriff für die Gewissheit stehen, dass es bei allen defensiven Unzulänglichkeiten vorne immer noch für ein zusätzliches, den Sieg bringendes Tor reicht.

Claus-Dieter Wollitz, Trainer von Energie Cottbus, hat diese Erkenntnis einmal in die Bemerkung gegossen, mit Spielern wie Ramos und Raffael hätte er allemal so viele Punkte wie Hertha geholt und noch ein paar Tore mehr geschossen. Das spricht nicht für seine Integrität, geht aber inhaltlich in die richtige Richtung. Herthas Erfolg hängt an den Launen des südamerikanischen Personals, auch an ihrem seelischen Befinden. Raffael hat spätestens seit dem Zuzug seines Bruders Ronny ein perfektes Umfeld. Ramos’ Familie aber pendelt immer noch zwischen Cali und Berlin. Die damit einhergehende persönliche Krise wurde im Herbst auch zu einer Krise für seinen Klub.

Ramos hat es Hertha nicht immer leicht gemacht, was allerdings nur bedingt an Ramos liegt. Trainer Markus Babbel hat am Montag mit einer knappen Bemerkung angedeutet, dass er seinen begabtesten Angreifer im Dunstkreis der Fremdbestimmung wähnt. Schon im Sommer hatte ihn sein an Provisionen interessierter Berater bei der finanziell bestens ausgestatteten TSG Hoffenheim unterzubringen versucht. Jetzt, da sich das Transferfenster noch einmal geöffnet hat, bietet sich noch einmal die Chance zu einem Wechsel. Bekanntlich sucht der VfL Wolfsburg Ersatz für den nach Manchester geflüchteten Edin Dzeko und Hoffenheim für den Rebellen Demba Ba.

Herthas sportliche Führung in Gestalt von Trainer Babbel und Manager Michael Preetz aber hat nach dem Sieg über Düsseldorf noch einmal klargestellt, dass Ramos keinesfalls abgegeben werde. „Ich erlebe ihn ja jeden Tag im Training und habe nicht den Eindruck, dass er weg will“, sagt Babbel. Das ist versöhnlich formuliert, dürfte den Verein aber kaum vor einer Neuauflage des Wechseltheaters bewahren, spätestens wenn die nächste Transferperiode beginnt. Als Ramos am Sonntag nach seinem ersten Tor die Hand kurz auf das blau-weiße Herthaemblem legte, interpretierten die Zuschauer das ein wenig voreilig als Bekenntnis zum Arbeitgeber. Ramos hatte nicht Hertha im Sinn, sondern sein unter dem Emblem schlagendes Herz. Es war ein symbolischer Gruß an Frau, Tochter und Bruder auf der Tribüne.

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