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Hertha-Torwart Thomas Kraft : Staunende Leere im Gesicht

Herthas Torwart Thomas Kraft erlebt gegen den VfB Stuttgart einen unruhigen Abend, an dem er nach zwei Kopftreffern nicht mehr weiß, wo er ist und was er tut.

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Wo ist oben und wo unten? Thomas Kraft (liegend) musste später das Feld verlassen. Für ihn kam Sascha Burchert (rechts).
Wo ist oben und wo unten? Thomas Kraft (liegend) musste später das Feld verlassen. Für ihn kam Sascha Burchert (rechts).Foto: dpa

Am morgen danach war Thomas Kraft im Flugzeug wieder Herr seiner Sinne. Vor dem Aussteigen war der Torwart von Hertha BSC einer älteren Dame beim Herausnehmen des Gepäcks aus den oben liegenen Handgepäckfächern behilflich. Ein paar Stunden zuvor musste derselbe Herr noch von zwei Mitspielern vom Rasen eskortiert werden. Der 26-Jährige hätte womöglich nicht allein den Weg aus der Stuttgarter Arena gefunden, so benebelt wie er war.

Das alles trug sich am Abend im Stadion des VfB Stuttgart zu, als in Thomas Kraft der geistige Nebel aufstieg und er sich nicht mehr sicher war, wo er gerade war und was er tat. Er benachrichtigte den am nächsten zu ihm stehenden Mitspieler, Innenverteidiger Sebastian Langkamp, dass es ihm gerade nicht so gut gehe. Langkamp, ganz geistesgegenwärtig, erahnte die Lage, stellte Kraft eine relevante Frage. Danach war klar, dass Kraft nicht mehr weiter spielen konnte und ausgetauscht werden musste.

Dann ging alles ganz schnell. An der Seitenlinie stand bereits Genki Haraguchi für einen Wechsel mit Valentin Stocker bereit. Langkamp aber beauftragte Fabian Lustenberger. Der Kapitän setzte Trainer Pal Dardai von der Notwendigkeit eines anderen Spielertauschs in Kenntnis. Es war höchste Not, sowohl, weil Kraft keine Peilung mehr hatte, und sonst das Wechselkontingent der Berliner ausgeschöpft gewesen wäre. Haraguchi setzte sich wieder hin, dafür machte sich Ersatztorwart Sascha Burchert bereit.

Herthas 0:0 beim VfB Stuttgart
Für Hertha BSC ging es in dem Spiel beim VfB Stuttgart um viel. Das konnte man vor dem Anpfiff auch in dem Gesicht von Pal Dardai ablesen, dem Coach der Berliner.Weitere Bilder anzeigen
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07.03.2015 10:31Für Hertha BSC ging es in dem Spiel beim VfB Stuttgart um viel. Das konnte man vor dem Anpfiff auch in dem Gesicht von Pal Dardai...

Fußballkulturell wurde nicht viel geboten in den fast 100 Spielminuten, inklusive der ausgedehnten Nachspielzeit. Bei Stuttgarter Feldüberlegenheit und besseren Torchancen für Hertha ging die arme Begegnung mit einem auch in der Höhe verdienten 0:0 über die Bühne, womit die Berliner am Ende besser leben können, weil der Fünfpunkte-Abstand auf den Tabellenletzten gewahrt bleibt.

Georg Niedermeier checkte Thomas Kraft mit der Schulter - eine unsportliche Aktion

Und so gerieten die Szenen um und mit Thomas Kraft in den Mittelpunkt. Auslöser war eine Aktion nach gut 50 Minuten. Nachdem Kraft am Eck seines Fünfmeterraums eine Flanke gepflückt hatte, checkte ihn der aufgerückte Stuttgarter Innenverteidiger Georg Niedermeier mit der Schulter. Eine unsportliche Aktion. Die Schulter traf Krafts Kinn wie ein trockener rechter Haken eines Boxers. Kraft ging zu Boden, wo er sich ein paar unfreundliche Worte des in der Nähe stehenden Stuttgarters Christian Gentner anhören musste. Das wiederum ließ Kraft auf die Palme und somit in die Nähe seines Vorbilds Oliver Kahn bringen, der in solchen Fällen ebenfalls dünnhäutig und aufbrausend reagierte. Kraft schnellte hoch und stieß Gentner vor die Brust. Schiedsrichter Felix Brych zeigte dem Berliner die Gelbe Karte. Kraft hatte Glück, für solcherlei Ausbrüche gibt es für gewöhnlich die Rote Karte.

Pal Dardai sah das anderntags ganz anders. Für Herthas Trainer erfüllte Niedermeiers „fiese“ Aktion den Tatbestand einer Tätlichkeit, die Rot hätte nach sich ziehen müssen. Dann wäre auch Kraft nicht ausgerastet. „Ein Torwart muss geschützt werden“, ereiferte sich Dardai.

Der Ball ging über das Tor, aber das Knie des Stuttgarters traf Kraft erneut am Kopf

Eine knappe Viertelstunde später kam es dann zu einem zweiten Zusammenstoß. Dieses Mal warf Kraft sich tollkühn dem einschussbereiten Daniel Ginczek in den Weg. Der Ball ging über das Tor, aber das Knie des Stuttgarters traf Kraft erneut am Kopf. Kraft spielte ein paar Minuten weiter, ehe er matschig wurde und zu Langkamp sagte: „Wo sind wir hier?“ Langkamp zurück: „Schau dich um, wir sind in Stuttgart.“ Weil Langkamp nur noch staunende Leere im Gesichtsausdruck Krafts sah, handelte er.

Ein wenig erinnerte dies an das WM-Finale vorigen Sommers, als der Deutsche Christoph Kramer nach einem Check des Argentiniers Ezequiel Garay gegen den Kopf sich ähnlich benommen beim Schiedsrichter erkundigte, ob es sich um das WM-Finale handele, es sei ihm wichtig, zu wissen. Kramer musste benommen ausgewechselt werden. Der zweite Kopftreffer war für Kraft nicht mehr verträglich, wie Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher sagte. Kraft habe eine leichte Gehirnerschütterung erlitten und muss jetzt Ruhe halten. Er habe aber nicht erbrochen und keine Schwindelgefühle mehr. Nur einen Brummschädel. Mittwoch, so verkündete es Pal Dardai am Samstag, wolle Thomas Kraft wieder auf dem Trainingsplatz stehen. Ganz ohne fremde Hilfe.

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