Hertha-Trainer Funkel : "Ich halte nichts für unmöglich"

Kaum ein Fußballer hat so viele Wunder erlebt wie Friedhelm Funkel. Herthas Trainer über den Kampf gegen den Abstieg und Siege gegen Dresden und Real Madrid.

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Friedhelm Funkel, 56, trainiert seit Oktober 2009 Hertha BSC. Zuvor war Funkel als Coach unter anderem bei Eintracht Frankfurt,...Foto: ddp

Herr Funkel, wir wollen mit Ihnen über Wunder reden.



Ach Wunder, das ist ein großes Wort, geht’s nicht ein bisschen kleiner?

Unter Wundern versteht man Ereignisse, deren Zustandekommen schwer zu erklären ist, sodass sie Verwunderung und Erstaunen auslösen. Also, das könnte man schon sagen, wenn Sie als Trainer von Hertha BSC noch den Abstieg aus der Bundesliga verhindern sollten.

Okay, wenn Sie das so definieren, können wir gern über Wunder sprechen. Wir wollen in Berlin das Unmögliche möglich machen. Mit dieser Zielsetzung habe ich kein Problem, mir ist das im Fußball glücklicherweise schon häufiger widerfahren, dass ich als Spieler und auch als Trainer Dinge so positiv mitgestalten konnte, wie es niemand erwartet hat.

Sie haben 1986 die Mutter aller Wunder miterlebt. Im Europapokal der Pokalsieger, als Bayer Uerdingen nach einem 1:3-Rückstand zur Halbzeit noch 7:3 gegen Dynamo Dresden gewann.

Wenn Sie das 0:2 aus dem Hinspiel mitrechnen, lagen wir sogar 1:5 zurück. Wir hatten uns in diesem Rückspiel so viel vorgenommen, aber schon nach 50 Sekunden stand es 0:1. Kann alles passieren, das hab’ ich vor einer Woche auch meinen Spielern vor dem Spiel in Hannover erzählt: Jungs, wir sind gut drauf, aber es kann auch passieren, dass der Gegner das erste Tor schießt. Das müsst ihr wegstecken und weiter an euch glauben.

So wie Sie mit Uerdingen gegen Dresden.

Wir haben schnell den Ausgleich geschafft, aber zur Pause war Dresden 3:1 vorn, und wenn ich ganz ehrlich bin: Da war der Glaube nicht mehr zu 100 Prozent da. Aber wir haben uns vorgenommen: Wenn wir schon ausscheiden, dann so anständig wie möglich. Mit dieser Einstellung sind wir wieder raus auf den Platz, und auf einmal lief es. Als wir 4:3 in Führung gegangen sind, haben wir das erste Mal auf die kleine Uhr im Stadion geguckt, damals gab es ja noch nicht diese riesigen Anzeigetafeln. Und siehe da, wir hatten noch zwanzig Minuten Zeit für zwei Tore. Am Ende sind es drei geworden. 7:3, wow!

Zu diesem Zeitpunkt waren Sie ja schon vorbelastet. Der Reihe nach: Ihr erstes Wunder feiert bald seinen 33. Geburtstag. Erinnern Sie sich noch? 1977, am Karnevalssamstag?

Oh ja! Das Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt! Wir haben mit Bayer Uerdingen in der zweiten Bundesliga gespielt, und die Frankfurter hatten eine Riesenmannschaft, mit Grabowski und Hölzenbein und anderen Topspielern, die waren in der Bundesliga seit 15 Spielen ungeschlagen und haben uns an die Wand gespielt. Kurz vor Schluss stand es 3:1 gegen uns.

Dann haben Sie selbst das Anschlusstor gemacht.

Ein ganz komisches Tor war das, durch die Beine des Torwarts, und ich glaube, der Ball war auch schon im Aus. Egal, plötzlich waren wir da und haben uns in einen Rausch gespielt. Ausgleich in der Nachspielzeit, 6:3 nach Verlängerung. Ein Wahnsinnsspiel, die Frankfurter haben die Welt nicht mehr verstanden. Aber so ist Fußball.

Das nächste Wunder haben Sie 1982 im Trikot des 1. FC Kaiserslautern erlebt. Es war der vielleicht größte Abend in Ihrer Laufbahn als Spieler.

Im Europapokal gegen Real Madrid! Das war damals schon eine Riesenmannschaft mit Stielike, Del Bosque und Camacho. Wir waren krasser Außenseiter und hatten das Hinspiel 1:3 verloren. Aber auf dem Betzenberg waren wir von Anfang an voll da und lagen schon nach einer Viertelstunde 2:0 vorn ...

... durch zwei Tore des Mittelstürmers Friedhelm Funkel...

... und am Ende haben wir 5:0 gewonnen! Gegen Real Madrid! Mit Kaiserslautern! Ein schönes Beispiel dafür, dass man mit Willen und Einstellung gegen eine spielerisch deutlich überlegene Mannschaft sehr viel wettmachen kann.

Nächstes Wunder, diesmal wieder mit Uerdingen. 1985 haben Sie das Pokalfinale 2:1 gegen Bayern München gewonnen.

Ach, ein einziges Spiel gegen die Bayern zu gewinnen, das ist immer möglich, das würde ich nicht so hoch hängen.

Na, dann machen Sie das mal nach am letzten Spieltag dieser Saison. Da kommen die Bayern nach Berlin, und für beide Seiten könnte es um alles oder nichts gehen, um Meisterschaft und Abstieg.

Das werden wir sehen. Das eigentlich Wundersame damals war, was uns in der Saison nach dem Pokalfinale gelungen ist. Gleich im ersten Punktspiel ging es wieder gegen die Bayern, wir haben 1:0 gewonnen, aber die nächsten Spiele waren nicht so toll. Nach der Hinrunde hatten wir 17 Punkte. Aber in der Rückrunde haben wir von 17 Spielen 13 gewonnen und sind Dritter geworden. Wenn man das auf die heutige Dreipunkteregel hochrechnet, haben wir damals in der Rückrunde 41 Punkte geholt. So etwas hat es nie wieder gegeben.

Da wirken die 28 Punkte, die Sie in der Rückrunde mit Hertha holen wollen, beinahe bescheiden.

Aus dieser Erfahrung heraus kann ich jedenfalls sagen, das dies ein realistisches Ziel ist. Es bleibt uns ja auch gar nichts anderes übrig, wir müssen 28 Punkte holen, ob nun mit neun Siegen und einem Unentschieden oder acht Siegen und vier Unentschieden, das ist mir egal. Aber wir müssen schon reichlich Spiele gewinnen.

So wie vor fünf Jahren, als Sie Eintracht Frankfurt zurück in die Bundesliga geführt haben.

Keiner hatte uns in dieser Saison noch auf der Rechnung. Nach zwölf Spielen hatten wir zwölf Punkte Rückstand auf einen Aufstiegsplatz und waren der dritten Liga näher als der ersten. Also haben wir alles oder nichts gespielt, Unentschieden war zu wenig, es ging nur noch um Siege, zwölf waren es allein in der Rückrunde. Das hat gereicht.

Sie haben diesen Aufstieg als größten Erfolg Ihrer Karriere bezeichnet. Wie würde sich daneben ein Klassenverbleib mit Hertha ausnehmen?

Das wäre natürlich noch größer! Eben, weil es noch niemand geschafft hat, nach nur sechs Punkten in der Hinrunde. Das ist ein zusätzlicher Anreiz für uns alle, Spieler und Trainer. Und ich weiß, dass wir es schaffen können.

Wer so viel erlebt hat wie Sie, dem erscheinen Wunder nicht mehr als Wunder, sondern als Resultat harter Arbeit und unbeirrbaren Glaubens an sich selbst.

So ist das. Und deswegen versuche ich auch, den Spielern diese persönlichen Erfahrungen zu vermitteln. Sie sollen einfach wissen, dass viel mehr möglich ist, als sie sich vielleicht vorstellen können. Ich spreche eigentlich nicht so gern von früher in Mannschaftssitzungen, das hat mich zu meiner aktiven Zeit immer gelangweilt. Wenn man sich aber im Einzelgespräch gegenübersitzt, kann man die eine oder andere Anekdote erzählen, da hören die Spieler schon mal fasziniert zu.

Ziehen Sie solche besonderen Momente an?

Sagen wir mal so: Ich kann mit besonderen Situationen gut umgehen, weil ich nichts für unmöglich halte. Diese Erlebnisse, über die wir gerade sprechen, die haben mich geprägt.

Auch Hertha hat im vergangenen halben Jahr ein kleines Wunder geschafft.

Ein Negativ-Wunder, wenn Sie so wollen. Aber das müssen Sie im größeren Zusammenhang sehen. In der vergangenen Saison war ja auch nicht jedes Spiel von Hertha gut, und trotzdem hätte es beinahe für die Champions League gereicht. Den Absturz danach hat niemand voraussehen können. Wobei man auch sagen muss, dass wir in der Hinrunde sehr viel Pech hatten, mit Schiedsrichterentscheidungen, Gegentoren, Spielverläufen, Verletzungen. Das muss und wird sich im Verlauf einer Saison ausgleichen.

Weswegen es auch kein Wunder wäre, wenn Hertha nicht absteigt?

Richtig. Natürlich gehört auch Glück dazu. Das zeigt sich in Situationen wie zuletzt in Hannover, als Steve von Bergen beim Stand von 0:0 diese Riesenchance noch vereiteln konnte. Oder bei Lukasz Piszczeks Schuss, der durch die Beine des Torwarts geht und nicht vom Schienbein zurückprallt. Dieser Sieg hat der Mannschaft gezeigt, dass richtig war, was wir in den letzten Wochen getan haben. Dass wir erfahrene Spieler aus der Bundesliga geholt haben und wie wir die Vorbereitung gestaltet haben. Die Mannschaft glaubt wieder an sich.

Als Trainer in Uerdingen haben Sie in einem Promo-Clip mal als Supermann posiert.

Sie meinen diese Nummer als Super-Funkel? Also, das würde ich heute nicht mehr machen. Aber das war Mitte der neunziger Jahre, wir waren jung und der Verein brauchte das Geld... Hat leider nichts geholfen.

Haben Sie denn in Berlin je an sich und Ihrer Mission gezweifelt?

Gezweifelt nicht. Es gab ein Spiel, nach dem auch ich total niedergeschlagen war. Dieses 1:3 gegen Eintracht Frankfurt war auch meine Schuld. Ich habe die Latte zu hoch gehängt und viel zu früh die Parole ausgegeben: Das ist ein Spiel, das müssen wir unbedingt gewinnen, das wird die Wende! Damit habe ich die Mannschaft überfordert. Die Spieler waren verkrampft, weil sie zu viel wollten. Die haben ja nicht so schlecht gespielt, weil sie es nicht besser können. Aber so schlimm dieses Spiel auch war – es hat mir eine der großartigsten Erfahrungen im Profifußball beschert.

Und zwar?

Nach dem Spiel saßen wir enttäuscht in der Trainerkabine, wir waren so weit unten, tiefer geht es gar nicht mehr. Da geht die Tür auf und der Präsident kommt rein. Er schimpft nicht, er jammert nicht, er sagt nur: So, jetzt ruft mal eure Frauen und Freundinnen an, ich lade euch zum Essen ein. Ich bin jetzt 36 Jahre in dem Geschäft, aber eine menschlich so bewegende Geste habe ich noch nicht erlebt.

Die nächste Sause steigt am 8. Mai, nach dem letzten Bundesligaspiel gegen Bayern München?

Aber hallo! Wenn wir nach diesem Spiel noch in der Liga sind, dann stelle ich mich selbst an die Spitze der Polonäse!

Das Gespräch führten Sven Goldmann und Michael Rosentritt.

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