Hertha-Trainer Otto Rehhagel : Der Tanz des Verlierers

Bei Otto Rehhagels Debüt geht so ziemlich alles schief: Erst findet er die Hertha-Kabine nicht, dann rutscht seine Mannschaft ganz tief in den Keller.

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Gestenreich am Rand: Otto Rehhagel versucht seinen Spielern zu zeigen, wie es gehen könnte. Foto: rtr
Gestenreich am Rand: Otto Rehhagel versucht seinen Spielern zu zeigen, wie es gehen könnte.Foto: rtr

Augsburg - Das Debakel für Hertha BSC in Augsburg war perfekt und die Frage nach dem Warum schnell beantwortet, wenn auch nicht ganz zufriedenstellend. Otto Rehhagel hatte nämlich keine Lust zum Reden und erst recht nicht zum Erklären. Das goss er in den kurzen Satz: „Von mir gibt es keine Schuldzuweisungen.“ Rehhagel wirkte ein wenig abwesend, als er dann darüber sprach, dass „ein Spiel beim Tabellenletzten nicht unterschätzt“ werden dürfe. „Ich habe vor den Augsburgern gewarnt. Die haben leidenschaftlich gekämpft, wir wollten das spielerisch erledigen. Das hat nicht geklappt.“ Genauso wie es mit einem Ausflug zum Tabellenletzten nicht geklappt hatte für Hertha am Sonnabend. Auf dem letzten Rang lag auch schon vor Herthas Gastspiel in Augsburg der SC Freiburg. Da hatte Rehhagel etwas verwechselt.

Schon die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga begann für Otto Rehhagel mit einem Irrgang durch die Kellerräume der Augsburger Arena. Der Trainer fand die Berliner Mannschaftskabine nicht und dann geleitete ihn auch noch ein Ordner zum Augsburger Umkleideraum. Irgendwie fand Rehhagel dann doch noch den Weg zu seinen Spielern. Im Stadion wartete der Pulk von 50 Fotografen und Ordnern vergebens auf den vermeintlich interessantesten Mann des Nachmittags. Rehhagel schaute sich das Warmmachen seiner Mannschaft nicht von der Seitenlinie aus an.

Seinen ersten großen Auftritt hatte er um 15.29 Uhr. Vor dem Spiel hatte Rehhagel noch im Anzug ein Fernsehinterview gegeben, nun trug er die blaue Hertha-Trainingskluft ins Stadion. Er schlängelte sich zur Berliner Mannschaftsbank durch. Die Fotografen drängelten, aber sie konnten den Trainer nicht bedrängen. Flink hatten Ordner ein Sicherheitsband in der Berliner Coaching Zone aufgebaut. Rehhagel nahm auf der Bank Platz, neben Co-Trainer René Tretschok. Fast 40 Jahre war es her, seit er sein Debüt als Trainer hatte, 1972 beim 1. FC Saarbrücken. Vieles hat sich seitdem im Fußball geändert, vieles hat sich bei Rehhagel nicht geändert. Die Mannschaftsaufstellung verriet er seinen Spielern – wie früher und immer – erst zwei Stunden vor dem Spiel.

Zunächst verfolgte Rehhagel das Spiel demonstrativ gelassen. Bei den Fans war er kein Thema, mal abgesehen von einem Transparent mit der Aufschrift: „Otto – finde ich nicht gut.“ 500 Berliner Anhänger beteten ihr übliches Repertoire herunter, kein Wort über den neuen Trainer. Ein wenig Nervosität sei schon im Spiel bei seiner Rückkehr in die Bundesliga, hatte Rehhagel gesagt. Das illustrierte sich nach einer Viertelstunde darin, dass der Trainer kurz an den Nägeln kaute. Dabei wollte er doch mit „meiner Erfahrung Souveränität ausstrahlen“. Rehhagel strahlte nicht, er lief nervös vor der Bank auf und ab. Seine Mannschaft bewegte sich zu lethargisch, dafür bewegte sich Rehhagel immer energischer durch die Coaching Zone. Er formte die Hände zum Schalltrichter, rief, klatschte und bewegte die Arme ruckartig. Er führte den ihm eigenen, bekannten Tanz auf.

Wenig später saß er wieder. Sitzen, stehen, sitzen – so ging es in der zweiten Hälfte zunächst weiter mit dem ältesten Bundesligatrainer. Bis dann das Augsburger 1:0 fiel und der Trainer sich abwendete. Fortan verfolgte er von der Bank aus, wie seine Mannschaft das Spiel, sich selbst und jeden Rhythmus verlor.

Was da noch zu sagen sei? Natürlich, dass die Mannschaft jetzt auf Relegationsplatz 16 steht und dass „die Jungs nun gegen Werder Bremen in einer Woche so kämpfen müssen wie Augsburg gegen uns, um mal wieder einen Sieg zu landen“. Wie groß ist denn die Ernüchterung beim Trainer nach seinem ersten Auftritt bei den Berlinern? „Ich bin immer nüchtern“, sagte Rehhagel. Da hatte er zumindest den Kalauer auf seiner Seite an einem ganz trüben Tag für Herthas Mannschaft, die in Augsburg noch schwächer war als zuvor ohne Rehhagel. Nach sieben Minuten war die Pressekonferenz nach dem Spiel vorbei. Nicht etwa, weil es keine Fragen mehr zum Thema Rehhagel und Hertha gegeben hätte, sondern weil Rehhagel sagte: „Ich beende damit die Pressekonferenz und wünsche allen einen schönen Tag.“ Claus Vetter

Rehhagels Revier. In seinem Berliner Quartier kennt man Herthas neuen Trainer schon seit einer gefühlten Ewigkeit (Seite 11).

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