Sport : HERTHA-TRAININGSLAGER IN SEEFELD: Wer viel reist, kann viel erzählen

KARSTEN DONECK

Manager Dieter Hoeneß hat neun Länder besucht, um acht neue Spieler zu verpflichtenVON KARSTEN DONECK SEEFELD.Dieter Hoeneß überlegt eine Weile.Dann geht ihm das berühmte Lichtlein auf."In Australien war ich noch nicht", zieht er schmunzelnd die Grenzlinie bei seiner Reiselust.Aber viel herumgekommen ist der einstige Vizepräsident und jetzige Manager des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC in seiner halbjährigen Tätigkeit für den Klub allemal.Immer auf der Suche nach Verstärkung, überwiegend in Europa.Von Nord nach Süd, von Ost nach West: Jugoslawien, Ungarn, Norwegen, Italien, Frankreich, Holland, Schweiz, Österreich und Ungarn - kein Weg war ihm zu weit.Neun Länder bereiste Hoeneß, um die acht Spieler zu finden, die demnächst zum Klassenerhalt beitragen sollen.Aber: Reisen bildet nicht nur, es macht auch müde.Und nachdem der Manager mit Alphonse Tchami, dem 47maligen Nationalstürmer Kameruns, den letzten neuen Mann angeschleppt hatte, verließ er gestern das Trainingslager der Herthaner im österreichischen Seefeld gutgelaunt: "Jetzt gehe ich mal dreineinhalb Tage am Stück in Urlaub". Wer viel reist, kann auch viel erzählen.Dieter Hoeneß sammelte eine Menge Eindrücke auf seinen Touren quer durch Europa.Zum Beispiel in Wien.Dorthin waren er und Trainer Jürgen Röber geflogen, um Dietmar Kühlbauer anzuschauen unter dem Aspekt, ob der Rapid-Mann als "Kopf" für das offensive Mittelfeld der Herthaner tauge.Allerdings richtete sich das Augenmerk der beiden Hertha-"Spione" alsbald auf einen anderen Spieler auf einer anderen Position im Rapid-Trikot: Sergej Mandreko, mit seiner wuchtigen Art im Mittelfeld zweifelsfrei ein Klassemann, aber eben doch eher einer fürs Grobe.Schnell brachte die kleine Delegation aus Berlin in Erfahrung, daß Mandreko, der Typ "Arbeitsbiene" im Mittelfeld, ablösefrei zu haben sei.Mandreko wurde kurzerhand nach Berlin eingeladen, und - so Hoeneß - "in zwei Tagen haben wir mit ihm Einigung erzielt". Ohne große Umschweife kam Hoeneß auch mit dem Holländer Dick van Burik ins Geschäft.Doch ehe es zur Vertragsunterschrift kam, türmte sich noch ein gewaltiges Hindernis auf.Getreu der - leicht abgewandelten - Devise bei Eheschließungen, wonach sich prüfe, wer sich (längerfristig) bindet, wollte van Burik wissen, in was für einer Mannschaft sein Arbeitsplatz denn künftig sein werde.Also schaute er im Olympiastadion vorbei - ausgerechnet bei Herthas letztem Zweitligaspiel gegen den KFC Uerdingen.Die Krefelder siegten gegen eine von Aufstiegsfeierlichkeiten geschwächte Hertha 2:0 - und van Burik als Tribünengast kam ob seiner Vereinswahl mächtig ins Grübeln.Hoeneß berichtet: "Er dachte plötzlich, die Mannschaft sei zu schwach.Und er sah bei uns keine große sportliche Perspektive." Fortan war eine Menge Überzeugungsarbeit notwendig.Mit Engelszungen stimmten Hoeneß und Röber den holländischen Verteidiger um. Nun harrt nur noch ein kleineres Problem seiner Erledigung.Zwar befindet sich van Burik mit Hertha in Seefeld, macht nach seinem Muskelfaserriß, erlitten am ersten Trainingstag, fleißig sein Aufbautraining, aber die Freigabe des holländischen Verbandes für ihn liegt noch nicht vor."Nur eine Formsache", sieht Hoeneß diesen Fall kaum dramatisch. Wegen Kjetil Rekdal durfte Dieter Hoeneß gleich zwei europäische Metropolen ansteuern, kam in Oslo sowie Budapest in den Genuß, Norwegens Nationalmannschaft in Länderspielen beobachten zu können.Mittelfeldspieler Rekdal, nach dem Eindruck aus den bisherigen vier Testspielen zusammen mit Mandreko die wertvollste Verstärkung, stand seinerzeit mitten in Verhandlungen mit dem türkischen Erstligisten Trabzonspor."Den mußten wir dann umleiten", sagt Hoeneß.Als Rekdals Techtelmechtel mit Hertha festere Formen annahm, bekundete plötzlich auch Tottenham Hotspur Interesse.Hertha machte das Rennen. Leichtes Spiel hatte Hertha bei Alphonse Tchami."Der war richtig heiß auf die Bundesliga", registrierte Hoeneß.Hertha lud ihn für drei Tage nach Berlin ein, um Stadt und Verein näher kennenzulernen.Zu viel der Liebesmüh? Hoeneß: "Nach zwei Stunden hat er uns klargemacht, daß er nicht so viel reden, sondern lieber arbeiten will."

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