Hertha überrascht : Maximilian Nicu - er ergibt sich von selbst

Der Mittelfeldspieler Maximilian Nicu steht sinnbildlich für den Erfolg von Hertha BSC – niemand hat mit ihm gerechnet.

Stefan Hermanns
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Links, rechts oder zentral. Maximilian Nicu ist aus dem Mittelfeld bei Hertha BSC nicht mehr wegzudenken. Foto: dpa

Am Dienstagmorgen um Viertel nach zehn hat sich entschieden, wo Maximilian Nicu an diesem Freitag gegen Arminia Bielefeld spielen wird. Am Dienstag um Viertel nach zehn kehrte bei Gojko Kacar der Schmerz zurück. Der Serbe ist ein Schlüsselspieler bei Hertha BSC, ein Garant für die Sicherheit im defensiven Mittelfeld, doch seine Genesung zieht sich. Maximilian Nicu wird in Bielefeld wohl Kacars Position einnehmen. „Das ergibt sich ja fast von selbst“, sagt Nicu auf die Frage, wo er spielt. Dass er spielt, stand ohnehin nie eine Frage.

Seit dem fünften Spieltag, seit seinem Debüt in der Startelf, hat Nicu immer von Anfang an gespielt, mal links, mal rechts im Mittelfeld und gegen Frankfurt am vergangenen Wochenende zum ersten Mal auch zentral defensiv. „Er hat das sehr gut gemacht“, sagte Herthas Trainer Lucien Favre nach dem Spiel über Nicus Interpretation der ungewohnten Rolle. „Er kann sich schnell anpassen.“

Der Aufstieg des Maximilian Nicu zum Stammspieler steht geradezu sinnbildlich für den überraschenden Erfolg von Hertha BSC in dieser Saison: Damit hätte nun wirklich niemand gerechnet.

Herthas Erfolg wird außerhalb Berlins zumindest wahrgenommen

Gewinnen die Berliner heute in Bielefeld, übernehmen sie für eine Nacht die Tabellenführung in der Fußball-Bundesliga; verliert Hoffenheim dann am Samstag in Mönchengladbach, bleiben die Berliner mindestens eine Woche Spitzenreiter. Nicu hat das Gefühl, dass Herthas Erfolg inzwischen auch außerhalb Berlins zumindest wahrgenommen werde, „aber viele glauben immer noch, dass wir nicht die Substanz und die Qualität haben, um da oben zu bleiben“.

Für 300 000 Euro kam Nico aus Wehen

Bei Maximilian Nicu hat sich die Situation vor der Saison ähnlich dargestellt. Für 300.000 Euro haben die Berliner den 26-Jährigen im Sommer vom Zweitligisten Wehen verpflichtet. 300.000 Euro sind nicht viel Geld – was soll man da erwarten? Manche haben in Nicu, dem Sohn rumänischer Eltern mit deutschem Pass, nicht mehr als einen Quotendeutschen gesehen. „Ich nehme es niemandem übel, der gedacht hat, dass ich es nicht schaffe“, sagt er. „Aber jetzt sollte man sich auch damit abfinden, dass ich es geschafft habe.“

Selbst sein ehemaliger Wehener Trainer Christian Hock war ein wenig überrascht, wie schnell und problemlos Nicu den Übergang hinbekommen hat. Er hat sogar noch versucht, ihn zum Bleiben zu bewegen: Ein weiteres Jahr in der Zweiten Liga sei besser für seine Entwicklung. „Das war hauptsächlich aus Eigennutz“, sagt Hock. „Max hat alles richtig gemacht.“ Nicu wusste, dass er mit Mitte 20 nicht mehr viele solcher Chancen wie das Angebot von Hertha bekommen würde: „Für mich war das der letzte Zug in die Bundesliga.“ Nicu scheint eine perfekte Verbindung erwischt zu haben. Während er gerade mit Hertha durchstartet, ist Wehen in der Zweiten Liga auf einen Abstiegsplatz gestürzt, kurz vor Weihnachten wurde Hock als Trainer entlassen.

In der Regionalliga war er Torschützenkönig - als Mittelfeldspieler

Es ist ein bisschen seltsam, dass Nicus Qualitäten so lange verborgen geblieben sind. Als Mittelfeldspieler war er Torschützenkönig in der Regionalliga, und in Wehen hat er maßgebend dazu beigetragen, dass die Mannschaft als Aufsteiger in die Zweite Liga eine überraschend erfolgreiche Saison gespielt hat. Sechs Tore erzielte Nicu, elf bereitete er vor. Trotzdem war Hertha der einzige Bundesligist, der sich um ihn bemüht hat. „Er hat Fähigkeiten, die wenige in der Zweiten Liga haben“, sagt sein ehemaliger Trainer Hock. „Er besitzt eine außergewöhnlich gute Technik, ist beidfüßig, taktisch gut geschult, hat eine gute Kondition, und vor allem bringt er Tempo ins Spiel.“

 Nicu passt damit perfekt ins Beuteschema von Lucien Favre. „Er ist ein sehr intelligenter Spieler“, sagt Herthas Trainer, „er versteht schnell.“ Dazu ist Nicu lernwillig und vielseitig, ein richtiger Favre-Spieler. So überraschend die Entscheidung kam, ihn gegen Frankfurt im zentralen defensiven Mittelfeld aufzubieten, so typisch war sie für Favre. Das Risiko war überschaubar. „Die Rolle erfordert ein bisschen mehr Verantwortungsbewusstsein und mehr Nachdenken“, sagt Nicu. Nachdenken liegt ihm. „Es fällt mir zumindest nicht schwer.“

Vor seiner Karriere machte Nicu sein Abitur

Nicu hat erst Abitur gemacht, bevor er seine Karriere als Profifußballer entscheidend vorangetrieben hat, er ist ein überlegter Typ und verfügt über eine gesunde Selbstwahrnehmung. Herthas Manager Dieter Hoeneß hat ihn bei der Mitgliederversammlung exemplarisch für den guten Geist in der Mannschaft hervorgehoben: „Er ist am Anfang nicht rangekommen und hat trotzdem nicht lamentiert.“

Wahrscheinlich liegt das daran, dass Nicu schon Schlimmeres erlebt hat als die ganz normale Anpassung an einen neuen Verein und eine neue Liga. Im Sommer 2004, mit 21, löste er seinen Vertrag bei Rot-Weiß Erfurt auf, in dem irrigen Glauben, er könne wieder für Unterhaching spielen. Doch Unterhaching wollte ihn nicht mehr. Nicu musste sich beim Arbeitsamt in München arbeitslos melden, seine Sachbearbeiterin hat davon gesprochen, dass er sich unter Umständen nach einem anderen Job umschauen müsse. Heute weiß Maximilian Nicu, dass das eine Warnung war. „Da hat es Klick gemacht“, sagt er. „Ich weiß jetzt, wie es im Arbeitsamt aussieht.“

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