Hertha und der Startfluch : Zum Vierten, zum Fünften, zum Sechsten?

Ein Unentschieden, vier Pleiten – noch nie startete Hertha BSC nach dem Aufstieg mit einem Sieg in die folgende Bundesliga-Saison. Ein Rückblick.

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Blau-weiße Hertha. Nach dem Bundesliga-Aufstieg 2011 empfingen 61.118 enthusiastische Zuschauer ihre Mannschaft im Berliner Olympiastadion zum Spiel gegen Nürnberg. Foto: dpa
Blau-weiße Hertha. Nach dem Bundesliga-Aufstieg 2011 empfingen 61.118 enthusiastische Zuschauer ihre Mannschaft im Berliner...Foto: dpa

17. August 1968: Eintracht Frankfurt – Hertha BSC 2:0

Als Hertha drei Jahre nach dem Zwangsabstieg (Tatbestand: überhöhte Handgeldzahlungen) endlich den Aufstieg schafft, feiert die Bundesliga gerade ihren fünften Geburtstag. Ist alles noch nicht so durchprofessionalisiert wie jetzt, zum Fünfzigsten. Herthas Mittelfeldspieler Rudi Kröner lässt sich parallel zur Profikarriere zum Sportlehrer ausbilden. Weil er das gern in Köln machen will, hält er sich eben dort von Montag bis Freitag fit und stößt nach Absprache mit Trainer Helmut Kronsbein immer erst freitags zur Mannschaft. Vor der Abfahrt ins Waldstadion warten die Berliner eine halbe Stunde auf den bestellten Bus, dann rufen sie sich ein paar Taxis. Eine große Nummer ist Hertha in Frankfurt offenbar nicht, denn es kommen gerade 25.000 Zuschauer zum ersten Bundesligaspieltag ins Waldstadion.

Die Eintracht vertraut ihre Mannschaft einem gerade 31 Jahre alten Trainer an, er heißt Erich Ribbeck und hat einen Ruf als taktischer Revolutionär. Gegen Hertha tut sich seine Mannschaft lange Zeit schwer, erst Sekunden vor der Halbzeitpause gelingt Jürgen Grabowski das Führungstor. Danach berennen die Berliner das Frankfurter Tor, es wird gehütet vom Altmeister Hans Tilkowski, dem besten Mann auf dem Platz. Sein Berliner Kollege Gernot Fraydl ist nicht ganz so gut drauf. Der Österreicher verschuldet das zweite Gegentor durch Bernd Nickel, was seinen Trainer Kronsbein zu der pädagogisch wertvollen Aussage veranlasst: „Mit vertauschten Torhütern hätten wir bestimmt nicht verloren.“

17. August 1982: Hertha BSC – Borussia Dortmund 1:3

Hertha freut sich über einen Dauerkartenrekord. Einen Tag vor dem Saisonstart sind tatsächlich schon 1125 verkauft. Weil auch der Einzelverkauf prima läuft, kommen nach zwei Jahren Bundesligaabstinenz immerhin 40.000 Zuschauer zur Saisonpremiere. Hertha gegen Dortmund ist eigentlich für den zweiten Spieltag terminiert. Weil das aber mit dem Istaf der Leichtathleten kollidiert, wird das Spiel einfach drei Tage vor dem eigentlichen Saisonstart angesetzt. Es gibt dann da bei Hertha noch ein kleines Problem mit den Prämien. Bei den Verhandlungen liegen Mannschaft und Vorstand so weit auseinander, dass Kapitän Werner Schneider zurücktritt und sich partout kein anderer Spieler bereit erklärt, das Amt zu übernehmen.

Kurz vor dem Anpfiff verurteilt Trainer Georg Gawliczek den Stürmer Werner Killmaier zum Tragen der Binde, aber der legt ausdrücklich Wert darauf, nach dem Abpfiff wieder zum Ex-Kapitän ernannt zu werden, beim nächsten Mal müsse ein anderer ran. Auch auf dem Rasen läuft so ziemlich alles schief. Hertha stürmt, Hertha drängt, aber Hertha ist auch sehr großzügig beim Verdaddeln der Torchancen und beim Einladen des Gegners. Marcel Raducanu, Siegfried Bönighausen und Edal Keser nehmen diese Einladungen dankbar an, für Hertha darf Thomas Remark zwischenzeitlich auf 1:3 verkürzen. Drei Tage später steht der richtige erste Spieltag an, Hertha erkämpft ein 2:2 in Kaiserslautern, diesmal mit Mittelfeldmann Jürgen Mohr als Kapitän. Er bleibt es bis zum Saisonende, das Hertha als abgeschlagenes Schlusslicht erlebt.

9. August 1990: Hertha BSC – FC St. Pauli 1:2

Nach sieben Jahren in der Zweiten Liga kauft Hertha groß ein, allein für den früheren Nationalspieler Uwe Rahn werden 1,7 Millionen Mark investiert. In Berlin ist gerade eine Mauer gefallen und jede Menge Spieler vom DDR-Serienmeister BFC Dynamo hätten ihren Arbeitsplatz gern ein paar Kilometer weiter nach Westen verlegt, aber auf diesen verwegenen Gedanken kommt beim Bundesligaaufsteiger niemand. Zur Saisoneröffnung laden die Berliner an einem Freitagabend. Sie hätten gern am Samstag gespielt, aber da ist das Olympiastadion schon vergeben. Die Football-Mannschaften von den Los Angeles Rams und Kansas City Chiefs spielen in Berlin die American Bowl aus, und das interessiert immerhin 55.000 Zuschauer. Herthas Bundesligarückkehr wollen nur 35.000 sehen.

St. Pauli reist nur mit 13 Spielern an, denn es sind ein paar Profis verletzt und den Zukauf von neuen Leuten hat der DFB dem traditionell hoch verschuldeten Klub untersagt. Gegen Hertha reicht es auch so. Zwar gelingt Rahn nach einer halben Stunde das Führungstor, aber es ist einer der raren Lichtblicke dieses teuren Missverständnisses, nicht nur in diesem Spiel. St. Paulis tschechische Billigimporte Ivo Knoflicek und Jan Kocian drehen kurz nach der Pause innerhalb von fünf Minuten mit zwei Toren das Spiel. Am nächsten Tag startet die DDR-Oberliga in ihre letzte Saison, und in einem Akt stadtinterner Solidarität fügt sich der zum FC Berlin gewendete BFC Dynamo in eine 0:4-Niederlage bei Rot-Weiß Erfurt. Am Ende der Saison steigt Hertha in die Zweite Liga ab und der FC Berlin in die dritte.

3. August 1997: Hertha BSC – Borussia Dortmund 1:1

Nach 2241 Tagen Bundesligaabstinenz sind die Berliner bereit, dem von Dieter Hoeneß und der Ufa neu erfundenen Unternehmen Hertha BSC eine neue Chance zu geben. 75.000 Zuschauer kommen ins Olympiastadion – und das nicht nur, um den Champions-League-Sieger Borussia Dortmund zu sehen. Hertha startet schüchtern und hat Pech, dass Steffen Karl einen Schuss des Dortmunders Lars Ricken zum frühen Rückstand abfälscht. Danach aber spielen nur noch die frechen Burschen in den blau-weiß geringelten Trikots. Der frechste ist Ante Covic, und er schafft dann auch den hochverdienten Ausgleich, als er erst die Dortmunder Koryphäen Andreas Möller und Stefan Reuter austrickst und dann ein bisschen Glück hat, weil sein Schuss wohl nicht im Tor gelandet wäre, wenn er nicht seinen Kollegen Sixten Veit angeschossen hätte.

6. August 2011: Hertha BSC – 1. FC Nürnberg 0:1

Am Tag des fünften blau-weißen Bundesligacomebacks meldet Berlin nach gut zwanzig wiedervereinigten Jahren einen Rekord von 3.468.900 Einwohnern. 61.118 von ihnen wollen Herthas Spiel gegen Nürnberg sehen. Hertha gegen Nürnberg, das ist kein gewöhnliches Spiel. Im unseligen Abstiegsjahr 2010 hatten ein paar durchgedrehte Berliner Fans nach einer 1:2-Niederlage gegen den Club den Platz gestürmt, angeblich provoziert vom Nürnberger Torhüter Raphael Schäfer. Der wird dann auch 90 Minuten lang ausgepfiffen, was ihm aber ziemlich egal ist nach dem keineswegs unverdienten Auswärtssieg. Hertha langweilt das Publikum 90 Minuten lang mit planlosem Ballgeschiebe. Die einzige Aufregung in der Nürnberger Spielhälfte provoziert ein schwer alkoholisierter Fan mit einer improvisierten Erinnerung an den Platzsturm von 2010. „Wer nicht aufs Tor schießt, kann auch kein Tor schießen“, grantelt Herthas Trainer Markus Babbel. Nürnberg schießt genau einmal mehr aufs Tor, aber das reicht zehn Minuten vor Schluss zum spielentscheidenden 1:0 durch Tomas Pekhart.

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