Hertha und die Zweite Liga : Schwach gegen Schwache

Koblenz, Paderborn, Osnabrück: In der Zweiten Liga tut sich Hertha BSC gegen schwächere Gegner aus der Provinz weiterhin schwer.

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Abgang eines Schönspielers. Raffael konnte in Osnabrück wenig ausrichten. Foto: Ottke
Abgang eines Schönspielers. Raffael konnte in Osnabrück wenig ausrichten. Foto: OttkeFoto: Harald Ottke

Es war wirklich kein guter Abend für Hertha BSC. Kein Tor, kein Punkt, dazu lausiges Novemberwetter. Und trotzdem konnten die Berliner aus Osnabrück noch etwas mitnehmen: eine wertvolle Erkenntnis. Fünf Minuten vor Schluss lieferte Nicky Adler den Fußballern der Hertha eine Einführung in die Sitten und Gepflogenheiten der Zweiten Liga. Zuerst rempelte er im eigentlich aussichtslosen Kampf um den Ball Herthas Verteidiger Roman Hubnik über die Torauslinie, dann lieferte er sich ein verbales Scharmützel mit Torhüter Marco Sejna, und als Fanol Perdedaj dem Stürmer des VfL Osnabrück zu nahe kam, nutzte Adler den leichten Körperkontakt des Berliners zu einem Sturz auf den Rasen. Und wieder waren ein paar Sekunden vorüber.

Man kann eben auch mit beschränkten schauspielerischen Mitteln großes Theater veranstalten. Zu den Berlinern aber scheint diese Erkenntnis noch immer nicht richtig durchgedrungen zu sein.

„Mein Hals ist ziemlich dick“, sagte Torhüter Sejna nach der 0:2-Niederlage des Aufstiegsaspiranten gegen den Tabellen-Fünfzehnten. „Es kann nicht sein, dass die Einsatzbereitschaft bei Osnabrück höher war als bei uns. Nur mit schönem Fußball kann man in der Zweiten Liga nicht bestehen.“ Herthas Überlegenheit war nicht mehr als eine Scheinüberlegenheit gewesen. 10:2 Ecken erspielten sich die Berliner, zwei Drittel Ballbesitz, als Auswärtsmannschaft wohlgemerkt, doch mehr als zwei Chancen, die Adrian Ramos mehr oder weniger kläglich vergab, sprang in 90 Minuten nicht heraus. „Wir hätten noch eine Stunde spielen können, ohne ein Tor zu schießen“, sagte Trainer Markus Babbel. Und so verlor Hertha nach dem 0:1 in Paderborn zum zweiten Mal hintereinander auf fremdem Platz. Nimmt man das Pokal-Aus gegen Koblenz hinzu, kommen die Berliner sogar auf eine Serie von drei Auswärtsniederlagen. Durch Erzgebirge Aues 2:1-Sieg am Sonntag gegen Aachen musste Hertha dann auch prompt die Tabellenführung abgeben.

Koblenz, Paderborn, Osnabrück. „Gegen typische Zweitligamannschaften, gegen Mannschaften, die nur über den Kampf kommen, tun wir uns schwer“, sagte Marco Sejna. Wobei die Koblenzer nur dem Namen nach eine typische Zweitligamannschaft ist, in Wirklichkeit spielen sie sogar noch eine Klasse tiefer. Entscheidend ist ohnehin, dass bei Hertha gegen vermeintlich minderbemittelte Gegner inzwischen ein hässliches Muster zu erkennen ist. „Vom Papier her sind wir klarer Favorit“, sagte Babbel. „Aber die Gegner sind sehr gut auf uns eingestellt. Sie fighten, geben Gas. Daran müssen wir uns gewöhnen. Schnellstmöglich gewöhnen.“ Schon nach der Niederlage in Paderborn hatte Herthas Trainer geschimpft: „Es kann nicht sein, dass uns eine Mannschaft wie Paderborn nur mit Einsatz und Willen den Schneid abkauft. Das ärgert mich.“

Gegen Osnabrück waren die Defizite nicht ganz so auffällig wie zwei Wochen zuvor bei der ersten Saisonniederlage in Paderborn. Hertha beherrschte den Gegner, zu Beginn der zweiten Halbzeit kam der VfL fast zehn Minuten kaum aus der eigenen Hälfte; doch die Berliner suchen immer noch eine treffende Symbiose aus Qualität und Mentalität. „Ich verstehe es ein Stück weit nicht“, sagte Trainer Babbel nach der Niederlage in Osnabrück.

Exemplarisch für die spielerischen Probleme der Berliner war der Auftritt des Brasilianers Raffael, der den Beinamen „Bester Fußballer der Zweiten Liga“ inzwischen so selbstverständlich trägt wie Helmut Kohl den „Einheitskanzler“. Raffael hatte von allen Berliner Offensivspielern die meisten Ballkontakte (95). Der Ertrag? Null. Der Brasilianer spielte, als ob er seinen Kollegen signalisieren wollte: Ihr seid es nicht wert, dass ihr vom besten Fußballer der Zweiten Liga den Ball bekommt. Lieber nahm er es mit vier Osnabrückern auf und verhedderte sich dann in deren Defensivdickicht.

Babbel erhofft sich von seiner Mannschaft in Spielen wie gegen Osnabrück „ein bisschen mehr Gelassenheit, ein bisschen mehr Geduld und ein besseres Passspiel“. Doch gerade gegen defensive Gegner offenbart sich, dass es Hertha an einer Spielidee fehlt, an einer klaren Struktur und an verlässlichen Automatismen. Es reicht auch in der Zweiten Liga nicht, sich allein auf die vermeintlichen Ausnahmekönner Raffael oder Ramos zu verlassen. In Osnabrück jedenfalls haben deren Fähigkeiten Hertha mehr geschadet als genutzt.

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