Hertha und Wolfsburg : Im Pendelzug zwischen den Ligen

Während sich Hertha auf dem Weg zurück nach oben in die Bundesliga befindet, taumelt der VfL Wolfsburg der Zweitklassigkeit entgegen. Sven Goldmann nutzte den Sonntag für ein nachmittägliches Pendeln zwischen Liga eins und zwei.

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Wolfsburgs Arne Friedrich sah Gelb-Rot - in Berlin ist ihm das nie passiert.
Wolfsburgs Arne Friedrich sah Gelb-Rot - in Berlin ist ihm das nie passiert.Foto: dapd

Berlin/Wolfsburg - Zweite Liga mag „Mist, ganz großer Mist“ (Bernd Schiphorst) sein, aber das Wetter ist besser. Über dem Olympiastadion strahlt Hoch Nicole, 150 Kilometer weiter westlich und ein paar Plätze höher in der ligenübergreifenden Profi-Tabelle pirscht sich schon Tief Günther heran. Regen in Wolfsburg, Sonne in Berlin. Das freut den Hertha-Fan und ärgert interessanterweise den Fußballspieler, selbst wenn er aus Brasilien kommt. „Mir war es ein bisschen zu warm“, sagt Spielmacher Raffael.

An diesem 28. Spieltag ist Hertha BSC der Ersten Liga so nah wie lange nicht. Knapp zwei Stunden nach dem frühen Berliner Traumkulissennachmittag mit lieben Gästen aus Paderborn kämpft der VfL Wolfsburg gegen Eintracht Frankfurt um das Privileg, in der nächsten Saison mal wieder gegen Hertha spielen zu dürfen. Wolfsburg war mal mit ehemaligen Berlinern wie Marcelinho, Dejagah oder Madlung so etwas wie Hertha II. Zuletzt versuchte Dieter Hoeneß mit VW-Millionen ein Upgrading auf Hertha I. Das hat bekanntlich nicht ganz geklappt. Die räumliche Nähe aber ist geblieben, sie beträgt 59 Bahnminuten zwischen Olympiastadion und VW-Arena. Gelegenheit für ein nachmittägliches Pendeln zwischen Erster und Zweiter Liga.

In der Ostkurve des Olympiastadions flehen die Fans auf einem gut 20 Meter langen Transparent: „Bringt uns dem Aufstieg ein Schritt näher!“ Es mag an den Tücken der Grammatik liegen, dass die Berliner Spieler mit der Umsetzung so ihre Probleme haben. Oder daran, dass sie mit den Köpfen in Wolfsburg sind, denn ihr Stil ähnelt verdächtig dem, den der Engländer Steve McClaren dort im Sommer eingeführt hat: Ball lang nach vorne, der Rest wird schon irgendwie.

In Wolfsburg wurde der Rest irgendwie, solange Edin Dzeko mit seiner eingebauten Torgarantie vorne stand. Als der für 35 Millionen Euro nach Manchester ging, wurde nichts mehr und McClaren seinen Job los. Hertha hat keinen Dzeko und keine 35 Millionen Euro, aber Pierre-Michel Lasogga, ablösefrei aus Leverkusen gekommen. Lasogga hält bei einem nach vorn gebolzten Ball clever den Fuß dazwischen, und Hertha führt 1:0. Kurz vor der Pause fällt ein zweites Tor, ein sogar sehr schönes, und die Erste Liga rückt noch ein Stückchen näher.

In der Pause dient der Rasen dem Brautstraußwerfen, neuer Tiefpunkt in der viel zu langen Geschichte der Stadionbespaßung. Immerhin wissen die 70 000 Zuschauer jetzt, wie gut sie vorher beim sportlichen Teil der Veranstaltung unterhalten wurden. Danach passiert nicht mehr viel, mal abgesehen davon, dass die Ostkurve sich selbst feiert und zweimal enttäuscht aufjault, als über die Videowand die Tore des 1. FC Union in Oberhausen vermeldet werden. Schnell weiter mit der S-Bahn zum Bahnhof Spandau, zum ICE Richtung Wolfsburg. Eile tut nicht Not, denn Herthas Hauptsponsor schafft es souverän, auch den erst am Berliner Hauptbahnhof einsetzenden Zug mit Verspätung auf die Reise zu schicken.

Das Wolfsburger Stadion bietet Platz für 30 000 Zuschauer, aber es ist nicht ausverkauft, obwohl Felix Magath sein Heimcomeback gibt und die Frankfurter Eintracht Christoph Daum mitbringt. Wie soll das erst aussehen, wenn in der nächsten Saison vielleicht Paderborn kommt?

Der VfL Wolfsburg spielt ganz gut und kommt auf gefühlte 120 Prozent Ballbesitz, aber weil er vorn keinen Pierre-Michel Lasogga hat, zeitigt alle Überlegenheit kein Tor. Dafür ist der einzige ernstzunehmende Frankfurter Schuss drin. Arne Friedrich passiert, was ihm in acht Jahren bei Hertha nie passiert ist, er fliegt mit Gelb-Rot vom Platz, und das auch noch zu Unrecht. Ohne ihn schafft Wolfsburg noch den Ausgleich, aber Arne Friedrich ist schwer vergrätzt. Sein Statement vor den Fernsehkameras könnte man mit ein wenig Boshaftigkeit auch zu seinem persönlichen Resümee der Berliner Abstiegssaison ummodeln: „Ich hab’ doch überhaupt nichts gemacht!“

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