• Hertha, Union und mein Derby (6): Nico Schäfer: "Im Revier kommt keiner ohne Fußball aus"

Hertha, Union und mein Derby (6) : Nico Schäfer: "Im Revier kommt keiner ohne Fußball aus"

Derbys und ihre Geschichten: In der letzten Folge unserer Derby-Serie erzählt Manager Nico Schäfer von der Brisanz des Ruhrgebietsfußballs.

Nico Schäfer
Unions Sportmanager Nico Schäfer.
Unions Sportmanager Nico Schäfer.Foto: dpa

Heute treffen Hertha BSC und der 1. FC Union im Berliner Fußball-Derby aufeinander. Im Tagesspiegel haben sich Protagonisten beider Vereine an große Derbys ihrer Karriere erinnert. Zum Abschluss Unions Sportmanager Nico Schäfer.

Es war am 22. Mai 2004. Das kann ich mir so gut merken, weil es einen Tag vor meinem Geburtstag war. Mein damaliger Verein Rot-Weiss Essen trat gegen den großen Rivalen Schalke 04 an, allerdings gegen die zweite Mannschaft. Und man wollte uns schon spüren lassen, dass es die zweite Mannschaft ist: Die Gelsenkirchener erlaubten uns nämlich nicht, in ihr großes Stadion zu gehen. Also fand das Ganze im Wattenscheider Lohrheidestadion statt.

Fast die gesamte Zuschauermenge, um die 8000, ist aus Essen nach Wattenscheid gelaufen. Das Motto lautete „Gegen die Seuche“ – damit war natürlich Gelsenkirchen gemeint. Alle hatten Strahlenschutzmasken auf und weiße Anzüge an. Das war etwas Besonderes und natürlich auch ein besonderes Zeichen der Feindschaft. Durch die Zechenrivalität der beiden Städte gab es ja schon seit weit vor dem Krieg immer große Derbys zwischen den beiden Städten. Leider hat Essen irgendwann nicht mehr das Niveau gehabt wie der andere Verein.

Grundsätzlich ist es trotzdem immer so gewesen, dass man diese Rivalität in jeder Beziehung ausgelebt hat – und das ist immer noch so. Eigentlich sollte man ja meinen, dass die Gelsenkirchener sich nicht mehr mit Essen beschäftigen müssten, aber die Sympathie ist keineswegs größer als gegenüber Dortmund. Es gibt Hassforen in Essen und Gelsenkirchen. Und bei uns kostete es immer fünf Euro, wenn man den richtigen Namen der Mannschaft aus Gelsenkirchen sagte. Die Feindschaft wird halt überall gelebt – so ist die Straßenbahnkultur im Revier.

Ob das Duisburg, Oberhausen, Bochum, Dortmund oder Gelsenkirchen betrifft: Man sitzt immer gemischt zusammen, auch bei der Arbeit. Jeder Sieg wird gegenüber den Arbeitskollegen ausgekostet. Es ist im Ruhrgebiet gar nicht möglich, ohne Fußball auszukommen. Und es gibt auch keinen, der nicht zu irgendeinem Verein hält, sonst hätte der gar kein Wochenthema. Das ist schon extrem. Leider ist es im Ruhrgebiet nicht immer der Fall, dass es bei Derbys friedlich zugeht. Das ein oder andere Mal geht es über die Grenzen hinaus.

Bei unserem Spiel in Wattenscheid war aber alles in Ordnung. Wir gewannen nicht irgendwie, sondern 7:0 – und sind damit aufgestiegen. Dass das gegen die kleinen Schalker gelang, war doppelter Balsam auf die Seele. Obwohl es dann wieder nur für ein Jahr in der Zweiten Liga gereicht hat. Nach einer kurzen Feier im Stadion bin ich mit den Fans zurück nach Essen gelaufen – natürlich ohne Verkleidung. Wie es danach weiterging, erinnere ich nicht mehr im Detail.

Aufgezeichnet von Katrin Schulze.

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