Sport : Hertha verkauft Visionen, keine Illusionen (Kommentar)

miro

Irgendwann im vergangenen Frühling blickte Dieter Hoeneß in den Abendhimmel über dem Berliner Olympiastadion und sagte: "Wir müssen wach sein für das Wunder." Mit "wir" war Hertha BSC gemeint, der Verein, dessen Manager er damals war - und immer noch ist, weil das Wunder von den Berlinern nicht verschlafen wurde. Hertha spielte eine sensationelle Bundesligarückrunde und qualifizierte sich für die Champions League.

Im Herbst drauf gelangen denkwürdige Siege über Mailand und Chelsea. Was Dortmund und Leverkusen versagt blieb - Hertha zog in die Zwischenrunde der Eliteklasse ein. Doch in der Bundesliga geriet der aufgeweckte Riese ins Schlummern, so dass es nach der ersten Halbserie nur zu Platz neun gelangt hat.

Hertha bewegt sich um das Millennium herum in einer Gegend, die nicht allen, die bisher da waren, gut bekam. Hertha BSC weiß, dass der Erfolg in der Stadt bleiben muss. Dauerhaft. Der Verein will Visionen verkaufen, keine Illusionen. 25 000 Dauerkarten sind an den Mann gebracht. Jetzt will sich Hertha von ehemaligen Leistungsträgern trennen, deren Verträge auslaufen. Gut ist unter den neuen Verhältnissen nicht mehr gut genug.

Der Aufbruch scheint gemeistert, der Umbruch noch längst nicht. Gut 35 Millionen Mark wurden seit dem Sommer für neue Spieler ausgegeben. Liebe, nette Kerle dürfen es nach wie vor sein, die da kommen. Von müssen ist keine Rede mehr. Hertha will fähiges Personal, konkurrenzfähig zu europäischen Mitbewerbern. Nicht zufällig nennt Hoeneß die Verpflichtung des Brasilianers Alves "ein Signal nach außen, aber auch an die Mannschaft".

Die Rückrunde wird zeigen, ob dieser Qualitätssprung gelungen ist. Platz sechs und damit die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb muss es sein. Das Bild von einer geschlossen aufmüpfenden Hertha wird es so nicht mehr geben. Das kollektive Gesamterlebnis wird, wenn es das nicht schon ist, in viele Einzelschicksale zerbröseln. Michael Preetz, der erfolgreich zwei Jahre lang als eine Art Klassensprecher Herthas fungierte, hat Konkurrenz bekommen. Hertha BSC bekommt Kanten und wohl auch Falten. Die Mannschaft wird wirklich wach sein müssen, sonst wird es wieder schnell dunkel über dem Olympiastadion.

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