Sport : Hertha verliert das Gesicht

Der Weggang von Andreas Neuendorf ist kein sportlicher Verlust – aber ein menschlicher

Stefan Hermanns

Berlin - Andreas Neuendorf gab noch einmal alles. Er ging mit großer Verve in den Zweikampf, und weil er in der Wahl seiner Mittel wie üblich nicht besonders zimperlich war, zeigte ihm der Schiedsrichter die Gelbe Karte. Nichts Neues bei Andreas Neuendorf, den sie Zecke nennen. Ungewöhnlich war allenfalls, dass er die Verwarnung erhielt, bevor er überhaupt das Feld betreten hatte. Der Mittelfeldspieler von Hertha BSC hatte sich mit dem vierten Offiziellen Stefan Schempershauwe einen kleinen verbalen Schlagabtausch geliefert, an dessen Ende Neuendorf die Geduld verlor. „Beeil dich jetze!“, rief er, weil er aufs Feld wollte, beleidigt habe er den Offiziellen aber nicht.

Der 32-Jährige hatte es einfach eilig: Zum letzten Mal würde er für Hertha im Olympiastadion spielen, da war jede Sekunde kostbar. Schon vor dem Anpfiff war Neuendorf offiziell verabschiedet worden, Herthas Fans huldigten ihm auf ihre Weise. „Eine Atze nimmt Abschied – doch seine Seele bleibt hier“, stand beim Spiel gegen Bayer Leverkusen auf einem Spruchband, das die gesamte Breite der Fankurve einnahm. Im Unterrang wurde ein riesiges Konterfei Neuendorfs aufgezogen. „Als ich die Wand gesehen habe, sind sogar mir fast die Tränen gekommen“, sagte Kevin-Prince Boateng. Während des gesamten Spiels feierten Herthas Fans Neuendorf, unterbrochen nur von den inzwischen traditionellen Schmähungen gegen Manager Dieter Hoeneß.

Neuendorfs Vertrag nicht mehr zu verlängern, war sportlich die einzig richtige Entscheidung. 17-mal hat er in dieser Saison gespielt, davon nur zweimal von Anfang an, in beiden Spielen wurde er ausgewechselt. „Der ist nicht schlechter als Michael Ballack“, hat Dick van Burik einmal über Neuendorf gesagt. Aber der Mittelfeldspieler hat nie auch nur ansatzweise einen ähnlichen Wert besessen wie der Kapitän der Nationalmannschaft. Er wusste immer, wo es in der Stadt den besten Döner gibt; die schönsten Joggingstrecken kannte Neuendorf ganz bestimmt nicht. Doch sein Wert ging über das rein Sportliche hinaus. „Zecke ist wichtig für die Stimmung in der Mannschaft“, hat Falko Götz einmal gesagt. Vor allem aber war er für die Fans so etwas wie das Gesicht Herthas. Das sympathische Gesicht.

„Sie wollten mir anscheinend etwas zurückgeben“, sagte Neuendorf zu der Verabschiedungsarie der Fans. Sechs Jahre lang hat er bei Hertha gespielt, dem Anhang ist er in dieser Zeit ein treuer Freund geworden – weil er dem Verein, vor allem aber den Fans immer mit dem nötigen Respekt entgegengetreten ist. Bei Hertha ist weit und breit niemand zu erkennen, der seinen Platz einnehmen könnte.

Welche Geisteshaltung inzwischen regiert, war eine Stunde nach der 2:3-Niederlage gegen Leverkusen deutlich zu sehen, als Arne Friedrich im sogenannten VIP-Talk von Herthas Stadionsprecher interviewt wurde. Der Kapitän nutzte die günstige Gelegenheit und beschriftete während der Fragen einen Packen Autogrammkarten. Offensichtlich war es von Friedrich zu viel verlangt, sich fünf Minuten lang ausschließlich auf das Gespräch zu konzentrieren, das in die VIP-Räume des Stadions übertragen wurde. Dorthin also, wo sich zwar nicht die Fans mit der größten Leidenschaft für Hertha aufhalten, aber immerhin die, die sich ihre Liebe eine Menge Geld kosten lassen.

An dieser Haltung ist schon Falko Götz als Trainer gescheitert, sein Nachfolger Karsten Heine wehrt sich noch gegen eine vorzeitige Kapitulation. „Wir haben einiges auf den Weg gebracht“, sagt er. „Aber selbst bei Bayern München, wo weit berühmtere Leute am Werk sind, ist es schwer, die Dinge, die sich eingeschliffen haben, von einem Tag auf den anderen zu verändern.“ In der vergangenen Woche setzte Heine das Training für neun Uhr morgens an, weil einige Spieler es mit der Anfangszeit nicht so genau genommen hatten. Der Lernerfolg war gering, deshalb beginnt das Training am Dienstag bereits um acht. „Das ist ein Erziehungsprozess, der länger dauert“, sagt Heine.

Offenbar ist er noch längst nicht abgeschlossen. Kevin-Prince Boateng kam gestern erst zehn Minuten vor Trainingsbeginn, obwohl die Spieler schon eine halbe Stunde vorher in der Kabine sein sollen. Immerhin scheint Boateng nicht allzu lange zum Umziehen gebraucht zu haben. „Wir konnten planmäßig pünktlich mit unserer Besprechung beginnen“, sagt Heine. Man wird eben bescheiden.

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