Hertha vor Lissabon : Brasilien ist heiß

Mit erstarkten Brasilianern spielt Hertha BSC heute bei Benfica Lissabon um den Einzug in das Achtelfinale der Europa League.

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Endlich wieder im Mittelpunkt. Herthas doppelter Torschütze Cicero (Mitte) ließ sich in Freiburg von seinen Teamkollegen herzen. -Foto: dpa

Vormittags war die Delegation aus Berlin spazieren. Durch die Baixa, über den Rossio und die Praça do Comércio hinunter zum Lissabonner Hafen am Tejo. Vorbei an den Kiosken, wo die Sportzeitung „A Bola“ ausliegt, sozusagen der „Kicker“ Portugals. Dort war man bestens informiert über die jüngsten Erfolge des führenden Berliner Fußballunternehmens. „Atenção!“ Mit dicken Buchstaben warnte „A Bola“ ihre Leserschaft am Montag vor allzu großer Respektlosigkeit gegenüber dem Gast aus der deutschen Hauptstadt, im Portugiesischen heißt sie übrigens "Berlím".

„Achtung Benfica, Hertha siegt 3:0“, heißt es also bei „A Bola“. Und damit die Herren Fußballprofis von Benfica Lissabon genau wissen, auf wen sie am Dienstagabend ab 18 Uhr aufpassen müssen im Rückspiel des Sechzehntelfinales, gibt es dazu noch ein riesiges Foto des Brasilianers Cicero, wie er mit schwarzen Handschuhen durch den Freiburger Frühling rennt und das erste seiner zwei Tore feiert.

Hertha BSC wird wieder ernst genommen, in der Bundesliga und darüber hinaus. Schon mit dem 1:1 im Hinspiel in Berlin war Benfica gut bedient, und Trainer Jorge Jesus weiß nur zu gut, dass Hertha kein typischer Tabellenletzter ist. Damit auf dem Weg ins Achtelfinale möglichst wenig schief geht, hatte der portugiesische Verband die Europa League vorsichtshalber zur nationalen Angelegenheit erklärt und Benficas Ligaspiel gegen Uniao Leiria um drei Wochen vorverlegt.

Hertha wird wieder ernst genommen

„Das ist ein Nachteil für uns, dass wir am Sonntag spielen mussten und Benfica sich seit dem Hinspiel am Donnerstag ausruhen konnte“, sagt Herthas Trainer Friedhelm Funkel. „Aber auch schwere Aufgaben sind lösbar.“ Ganz so wichtig ist ihm die Europa League ohnehin nicht, jedenfalls nicht so wichtig wie die Bundesliga. Priorität hat das Spiel am Samstag gegen Hoffenheim. Funkel will gegen Lissabon zwei, drei oder sogar vier Änderungen vornehmen, nachdem er seine Mannschaft in Freiburg im Vergleich zum Hinspiel gegen Benfica ebenfalls auf vier Positionen geändert hatte. Der Tscheche Roman Hubnik wird auf jeden Fall fehlen, weil er mit Sparta Prag in dieser Saison schon in der Europa League gespielt hat.

Nur etwas mehr als 48 Stunden liegen zwischen dem Abpfiff in Freiburg und dem Anstoß im Estádio da Luz. Das ist nicht viel – und für Funkel doch kein Anlass zum Jammern. Herthas Trainer ist so lange im Geschäft, dass er schon alles mitgemacht hat. 1986 in Uerdingen zum Beispiel: Auch da war der Winter hart, etliche Spiele fielen aus, doch weil im Sommer eine WM anstand, wurde es für Funkel und seine Kollegen am Ende der Saison richtig hart. An sieben Spiele in 14 Tagen kann er sich erinnern, die Uerdinger traten nur unter Protest an. „Wir haben kein Spiel verloren“, sagt Funkel, und am Ende einer kuriosen Aufholjagd landete Bayer 05 noch auf Platz drei. Seit diesem Extremprogramm weiß Funkel, was erschöpfte Fußballer zur Regeneration brauchen: Schlaf, Schlaf und noch mal Schlaf.

Für die Berliner mag die Dienstreise nach Lissabon eine große Anstrengung sein. Herthas Brasilianer Raffael und Cicero dürften das etwas anders sehen. Raffaels Bruder Ronny hat früher für Benficas Rivalen Sporting gespielt, jetzt steht er in Leiria unter Vertrag. Portugal ist für brasilianische Fußballspieler schon mal der gemeinsamen Sprache wegen immer eine Option und jedes Spiel gegen einen portugiesischen Klub eine Bühne, um vor eventuellen Arbeitgebern vorzuspielen. Niemand weiß, wohin Herthas Weg führt. Im immer noch nicht so unwahrscheinlichen Falle des Abstiegs wird Hertha seine Brasilianer wohl nicht halten können.

Cicero liefert sein bestes Saisonspiel ab

Das ist vor allem im Falle Cicero ein Problem. Der Ästhet aus Espirito Santo ist noch bis zum Ende der Saison von Fluminense ausgeliehen. Hertha hat eine Kaufoption, müsste dafür aber geschätzt drei Millionen Euro investieren. Am Sonntag in Freiburg war er dieses Geld wert, auch im Hinspiel gegen Benfica, und wahrscheinlich lag das auch daran, dass ihn Funkel zuvor im Bundesligaspiel gegen Mainz auf die Bank gesetzt hatte.

Die Botschaft ist offensichtlich angekommen. Der in der Hinrunde so enttäuschende Cicero hat verstanden, dass es um seinen Job geht. In Freiburg trieb er das Spiel im linken Mittelfeld elegant und ästhetisch zugleich an, er schoss zwei Tore, es waren seine ersten beiden in dieser Saison. Mit dem in der Zentrale überragenden Raffael harmonierte er schon wieder so gut wie in der vergangenen, ungleich zufriedener stellenden Saison. Das hat sich auch bis nach Lissabon herumgesprochen, in die Redaktionsräume von „A Bola“, wo sie davor warnen, den Gast aus Berlin zu unterschätzen. „Atenção!“

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