Herthas 0:0 gegen Freiburg : Unter der Latte hindurch

Herthas Spiel wirkt bisweilen ziellos, es mangelt an neuen Herausforderungen. Der Klassenerhalt ist praktisch sicher, Trainer Jos Luhukay ist bemüht, die Konzentration zu erhalten.

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Und der Blick geht doch nach oben! Hertha BSC und Hajime Hosogai (rechts) müssen sich ganz schon verrenken, um zu betonen, das Ziel bleibe der Klassenerhalt.
Und der Blick geht doch nach oben! Hertha BSC und Hajime Hosogai (rechts) müssen sich ganz schon verrenken, um zu betonen, das...Foto: Imago

Jos Luhukay musste schon lächeln, als er die Wörter "35 Punkte" und "neue Ziele" in der Frage hörte. Es war ja weiß Gott nicht das erste Mal, dass der Trainer gefragt wurde, ob Hertha BSC nun langsam mal den Klassenerhalt erreicht habe und sich nicht neue Herausforderungen suchen wolle. Luhukay beantwortet solcherlei Versuche, ihn aus dem Reich der tiefen Stapel zu locken, in der Regel zweigeteilt. Erst kommt ein Lob des bisher Erreichten, unter besonderer Berücksichtigung der Aufsteigerrolle, gefolgt von einem Hinweis, dass sich etwaige Blicke auf die Tabelle nur abwärts richten.

Oder, auch beliebt, man schaue gar nicht dorthin, nur auf sich selbst, von Spiel zu Spiel oder wohin man sonst noch so gucken kann, um nur ja nicht die Plätze vor sich zu sehen. Insofern wagte sich Luhukay am Morgen nach dem 0:0 gegen den SC Freiburg bemerkenswert weit vor.

Trainer in Abwehrhaltung

Klar, man sei "stolz auf 35 Punkte", antwortete er, okay, aber dann, dann sagte er, tatsächlich, "wir sind froh, dass wir nicht so sehr nach unten schauen müssen und nicht den harten Kampf um den Klassenerhalt haben". Da-damm! War Luhukay da gerade gerade hervorgeprescht aus der Außenseiterrhetorik, wenn auch nur um einige Millimeter, einen Hauch nur?

Übermütig kann er kaum geworden sein, nach dem Spiel des Vorabends. In der Analyse eilte er schnell wieder zurück in die Abwehrlinie, nur kein unnötiges Risiko eingehen. Es gebe für Hertha in der Bundesliga keine Selbstläufer, man habe nicht die Qualität, um solch enge Spiele immer zu gewinnen, daher: "Wenn man nicht gewinnen kann, sollte man wenigstens nicht verlieren." Im Lichte dieser Logik hatte Hertha seine Aufgabe erfüllt, einen Konkurrenten auf Abstand gehalten.

"Egal, ob man mit einem oder zwei Stürmern spielt"

Die Zuschauer im Olympiastadion sahen das nicht unbedingt so, ihr Pfeifverhalten am Ende deutete das zumindest an. Die Ansichten gehen mittlerweile durchaus auseinander zwischen Klub und Anhang. Nicht wenige auf den Rängen schauten nicht auf sich selbst oder nach unten, sondern auf das Spielfeld und die Tabelle. Die Außenseiterrolle wollten sie Hertha gegen den Tabellenvorletzten nicht abkaufen, auch wenn der tapfer verteidigte. Aber hätten die Berliner da nicht einfach tapferer angreifen müssen? "Im Spiel bekommt man schon ein Gefühl dafür, was heute drin ist und was nicht", sagte Verteidiger Sebastian Langkamp. "Das war eben ein typisches 0:0-Spiel."

Dabei wollte Hertha durchaus ein anderes Spiel haben. Wie zuletzt in Stuttgart hatte Luhukay zwei Stürmer aufgeboten, die sollten den verunsicherten und vorgerückten Gegner unter Druck setzen, doch traten die Freiburger gar nicht so verunsichert auf und rückten auch nicht vor, sodass Hertha nach 20 Minuten fand, da könne Adrian Ramos ja auch ruhig alleine vorne stehen. "Wenn keine Ballzirkualtion da ist, ist egal, ob man mit einem oder zwei Stürmern spielt", sagte Luhukay lapidar. Da hätte auch Pierre-Michel Lasogga, seit neuestem Nationalspieler, nichts ausrichten können. Luhukay gratulierte artig, aber daran, wie man mit dem verliehenen Stürmer plane, ändere das nichts.

Suche nach neuen Zielen

Nichts geändert hat sich auch daran, dass sich Berlin schwer tut gegen defensive Gegner. Aber es schleicht sich der Eindruck ein, dass die Luft allmählich entfleucht aus dieser Saison. Es mag an Verletzungen liegen – Tolga Cigerci erlitt einen Muskelfaserriss, Ausfallzeit ungewiss –, am Kräfteverschleiß oder Gegnern, die sich besser auf Hertha einstellen. Womöglich sieht Herthas Spiel gerade zuhause, wo man nur eines der letzten sechs Spiele gewann, bisweilen so ziellos aus, weil es kein Ziel mehr gibt. "Noch ein paar Punkte, dann können wir ein neues festlegen", sagte Langkamp, Ja, wie viele denn noch? Der Klassenerhalt ist nicht rechnerisch, aber praktisch sicher.

Es sind im Sport oft hohe Messlatten, die zu großen Sprüngen motivieren. Frankfurt etwa verkrampfte letztes Jahr, bis man die 40-Punkte-Rhetorik aufgab. Es muss ja nicht gleich der Europapokal sein. Doch Hertha kann die alten Ansprüche längst aus dem Stand überspringen, legt die Latte trotzdem nicht höher. Jeder Millimeter gleicht da einer Sensation.

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