Herthas Alfredo Morales : Der Eiskunstläufer lernt das Einfache

Alfredo Morales’ Karriereende bei Hertha BSC schien absehbar, nun spielt er am Freitag für die Berliner in Ingolstadt - auch dank Jürgen Klinsmann.

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Aber sicher! Morales hat das einfache Spiel für sich entdeckt.
Aber sicher! Morales hat das einfache Spiel für sich entdeckt.Foto: pixathlon / Angerer

Ein Ersatzspieler eines Profifußballklubs führt eigentlich ein ganz angenehmes Leben. Kostenloser Shuttle-Service ins Stadion, gepolsterte Sitze auf der Bank, vorzügliche Sicht aus der ersten Reihe, dazu fundierter Live-Kommentar vom Trainer. Wenn da nur nicht diese Einwechslungen wären. So eine erwischte auch Alfredo Morales. „Ich hatte es mir gerade bequem gemacht, die Schuhe ausgezogen“, berichtet der Mittelfeldspieler von Hertha BSC vom letzten Spiel gegen Braunschweig, „plötzlich musste ich an die Seitenlinie.“ Schon nach elf Minuten Minuten verließ Peter Niemeyer wegen einer Gehirnerschütterung den Platz, Morales kam herein. Morales nahm die Chance dankbar an, obwohl er den besten Platz im Stadion aufgeben musste.

Es sollte sich lohnen: Hertha gewann bekanntlich 3:0 und Morales spielte den Part im defensiven Mittelfeld mit neu gewonnener Sicherheit so solide, dass Trainer Jos Luhukay ankündigte, er werde die Position am Freitag beim FC Ingolstadt (18 Uhr) erneut einnehmen, da Niemeyer immer noch krankgeschrieben ist.

Das ist gar nicht so selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass vor wenigen Monaten selbst der Polstersitz am Spielfeldrand für Morales in weiter Ferne schien. Ebenso wenig selbstverständlich ist, was Livekommentator Luhukay ihm gegen Braunschweig an der Seitenlinie mit auf den Weg gab: „Er sagte, ich solle die ersten zwei, drei Minuten ganz locker spielen.“

Ganz locker, das wäre bei Morales vor einiger Zeit noch eine höchst fragwürdige Anweisung gewesen. Guten Ansätzen im Spiel des talentierten Nachwuchsspielers folgten stets unnötige Kunststückchen, Hackentricks im Vollsprint, als wäre er Cristiano Ronaldos Schwippschwager. „Das wurde mir schon seit der Jugend vorgeworfen“, sagt Morales. Der 22-Jährige wurde von einigen im Verein wegen seiner Pirouetten schon „der Eiskunstläufer“ genannt. Der Morales, der lernt es nicht mehr, so schien es. Im Laufe der Saison wurde er von den Profis zur zweiten Mannschaft abgeschoben, sein Vertrag läuft nach der Saison aus, das Ende in Berlin schien absehbar.

Doch Morales trat eine andere Reise an. Nicht mit den Hertha-Profis ins Wintertrainingslager, sondern in die USA. Nationaltrainer Jürgen Klinsmann hatte ihn zu einem Lehrgang eingeladen. Drei Wochen schuftete er unter der Sonne Kaliforniens und Texas’, gab sein Länderspieldebüt. „Es hat mir großes Selbstvertrauen gegeben zu sehen, dass ich mithalten kann“, sagt Morales. „Mit offenen Armen“ sei er empfangen worden. Dabei war zu lesen, dass die angestammten Nationalspieler rebellieren, weil Klinsmann deutsche Nachwuchsspieler mit US-Pässen rekrutiert. „Ich bin ja eigentlich auch Deutscher“, sagt Morales, dessen Vater Peruaner ist und einst bei der US-Army arbeitete.

Klinsmann gab Morales neben viel Fitness auch die Botschaft mit auf den Weg: „Alfredo, du musst keine Überdinge machen, sondern einfach deine Aufgaben erledigen.“ Anders als seine Mahnervorgänger hatte der frühere deutsche Bundestrainer einen einmaligen Anreiz: die WM 2014. „Er hat mir gesagt, wenn ich mir bei Hertha den Arsch aufreiße und spiele, kann ich dabei sein.“ Zurück in Berlin musste er jedoch erst Luhukay überzeugen. Wenige Tage nach der Rückkehr gewann er mit der U23 ein Testspiel gegen die Profis, Luhukay lobte Morales als besten Mann, im nächsten Spiel stand er gleich im Kader, dann in der Startelf. Und nun besinnt er sich auch auf das Einfache. „Ich spiele sicher von hinten raus.“

Zur Belohnung wird über eine Vertragsverlängerung geredet. „Die Gespräche sind noch nicht so weit, demnächst geht es einen Schritt weiter.“ Den will er auch nach dem Aufstieg machen, in der Bundesliga spielen. Im defensiven Mittelfeld, nicht mehr als Rechtsverteidiger, „da wurde ich irgendwie reingedrückt“.

Bei einem Sieg in Ingolstadt würde Hertha in die Position gedrückt, am Montag womöglich vor dem Fernseher aufzusteigen. „Dann würde ich mich kurz mit meiner Frau freuen und schlafen gehen.“ Auf der Couch, das ist wiederum der schlechteste Platz für einen Fußballspieler.

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