Sport : Herthas Andreas Neuendorf darf statt zur Sportfördergruppe zur Nationalmannschaft

Sebastian Arlt

Andreas Neuendorf war am Mittwochabend gegen 21 Uhr völlig überrascht. Da kam Teamchef Erich Ribbeck zur Pause in die Kabine des Karlsruher Wildparkstadions und eröffnete dem Spieler von Hertha BSC, dass er sich anschließend auf den Weg nach Neu-Isenburg machen solle. Zur "richtigen" Nationalmannschaft. Der Teamchef war nach Karlsruhe gekommen, um noch einen Spieler für seine Mannschaft nachzunominieren. Er entschied sich für Neuendorf. "Der Andreas hat sich nicht nur durch die gute erste Halbzeit mit der A2 gegen Frankreich die Nominierung verdient", meinte Ribbeck. So schnell geht das. Der 24-Jährige war 45 Minuten lang in der Begegnung der deutschen A-2-Auswahl gegen Frankreich (1:3) auffälligster Spieler gewesen, hatte mit einem verwandelten Elfmeter für die zwischenzeitliche 1:0-Führung des Teams von DFB-Trainer Horst Hrubesch gesorgt. Doch nach dem "Marschbefehl" von Ribbeck war für Neuendorf, der momentan seinen Wehrdienst ableistet, Schluss in der A2. Hrubesch wechselte ihn aus. "Ich hätte gern weiter gemacht und dem Spiel noch eine Wende gegeben", meinte Neuendorf.

Nun steht der in Berlin geborene Neuendorf im Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für die beiden EM-Qualifikationsspiele in Finnland am Sonnabend (19 Uhr, live im ZDF) und gegen Nordirland am kommenden Mittwoch. Großartig Gedanken wegen der kurzfristigen Berufung in die Nationalmannschaft machte er sich jedoch nicht: "Jetzt fahr ick da mal hin und schau mir das alles an." Er sehe die Sache auch "als Resultat der Entwicklung bei Hertha". Statt nach zwei Monaten Grundausbildung nun am Donnerstag zum ersten Mal bei der Sportfördergruppe in Berlin einzurücken, trainierte er gestern Vormittag bereits im Frankfurter Waldstadion gemeinsam mit Matthäus, Bierhoff und Co. Er wunderte sich ein wenig über den großen Medienauftrieb, vernahm wie die anderen die Kunde, dass Finnlands Star Jari Litmanen nicht spielen kann und dass Ribbeck wohl mit vier Stürmern (Bierhoff, Kirsten, Bode, Neuville) beginnen wird.

Nach den verletzungsbedingten Absagen von Michael Preetz und Sebastian Deisler sowie der Nichtberücksichtigung von Dariusz Wosz ist Neuendorf nun der einzige Herthaner im 18-köpfigen Kader des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Schon für den Konföderationen-Cup in Mexiko stand Neuendorf im vorläufigen 33er-Kader. Fiel aber dann durch den Rost, weil er wegen seiner Bundeswehr-Verpflichtungen nur einen Teil des Trainings im Verein mitmachen konnte. Inzwischen hat er den Rückstand aufgeholt. "Er ist fit und gut trainiert. Er ist schnell, hat ein Auge für die Situation, kann Pässe schlagen und sogar Tore machen", beschreibt A-2-Trainer Hrubesch den "Nachrücker", der nicht nur im offensiven Mittelfeld glänzt, sondern auch schon als Libero eingesetzt wurde. In den bisherigen Pflichtspielen der Saison 1999/2000 von Hertha BSC hat sich der 24-Jährige allerdings erst langsam herangetastet. Gegen Rostock und zwei Mal gegen Famagusta nicht im Einsatz, wechselte ihn Hertha-Trainer Jürgen Röber in Bielefeld für die zweiten 45 Minuten ein, gegen Werder Bremen am vergangenen Sonnabend spielte er im Olympiastadion dann durch.

1994 war Neuendorf von den Reinickendorfer Füchsen für 200 000 Mark Ablöse zu Bayer Leverkusen gewechselt. Dort bekam er auch seinen Spitznamen "Zecke" verpasst. Der Erfinder heißt Ulf Kirsten, der den jungen Mitspieler so taufte, nachdem dieser bei einem Waldlauf eben von einer Zecke gebissen wurde. Neuendorf nimmt es gelassen: "Das ist besser, als wenn mich ein Schwein gebissen hätte." Er kam bei Bayer anfangs nur selten zum Einsatz, den Durchbruch schaffte er in der Rückrunde der Spielzeit 1995/96. Er wurde Stammspieler - unter Ribbeck, der schon damals große Stücke auf Neuendorf hielt.

Das Auf und Ab im Verein (bei kontinuierlich guten Leistungen im Juniorenteam unter 21 Jahren) setzte sich fort. Christoph Daum folgte als Trainer auf Ribbeck. Neuendorf fand sich nun zumeist auf der Ersatzbank wieder. Ende 1997 hatte er genug. Hertha BSC verpflichtete ihn am 1. Januar 1998 bis zum Sommer 2000, obwohl er damals an der Leiste verletzt war. "Statt in die Mannschaft kam ich in die Rehabilitation" erinnert er sich. Aber dieser Neuendorf ist ein Kämpfer. In der vergangenen Saison war er eine feste Größe in Röbers Team. Jetzt folgte ein nächster Schritt.

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