Herthas Aufstieg : „Berlin war overdressed“

Der Schriftsteller Thomas Brussig über das besondere Zweitliga-Jahr von Hertha BSC und die Karriereaussichten von Pierre-Michel Lasogga

Thomas Brussig
Foto: ddp
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Mann, bin ich froh! Hertha ist die Blamage erspart geblieben, nicht aufzusteigen. Ganz im Gegenteil, sie sind souverän durch die Zweite Liga gerauscht, zeitweise sogar berauschend.

Vor allen Dingen lag das an den Hertha-Fans, die weiterhin in Massen strömen, obwohl sie so gut wie nie Feinschmeckerfußball geboten bekommen. Beim HSV oder in Herne West wollen die Fans nach drei Niederlagen in Folge ja immer gleich Trainer, Präsidium oder Sportdirektor ausgetauscht sehen. Der Hertha-Fan hingegen leidet ohnmächtig, und seine stärksten Momente sind an Niederlagen und Enttäuschungen geknüpft. Leben eigentlich noch Augenzeugen, die beim letzten Hertha-Titel dabei waren? Ligapokal zählt nicht.

Aber in dieser Saison gab es wenig zu leiden. Denn Hertha ist zu gut für Liga zwo. Die Gegner dürften froh sein, Hertha los zu sein. Außer vielleicht Union. Die sind in den Derbys über sich hinausgewachsen und haben vier von sechs möglichen Punkten geholt. Aber schon zu Ostzeiten siegte der Aufsteiger Union gegen den übermächtigen BFC Dynamo gleich zweimal. Schade, dass das gesamtberliner Derby nicht in der Bundesliga stattgefunden hat. Aber das kann ja noch werden. Dann aber bitte nur noch im Oly!

So schön diese Saison dank der vielen Siege war – die Zweite Liga ist trotzdem ’ne Degradierung. Siege gegen Paderbrück sind nichts für die Annalen. Und gerade in der Hinrunde wurde ganz schön in die Beine der Herthaner geholzt. Positiv ist allenfalls, dass Hertha nach dem Abstieg nicht geschreddert wurde. Hansa Rostock, Arminia Bielefeld, die 60er haben alle mal jahrelang Bundesliga gespielt und konnten sich nach dem Abstieg nicht mehr fangen. Doch dank der Nüchternheit von Michael Preetz und Markus Babbel wurde diese unromantische Situation bewältigt.

Ich wünsche mir für die neue Saison, dass Hertha nicht nur die Klasse hält, sondern endlich mal wieder einen Spieler ganz groß rausbringt. Dass jemand bei Hertha zum Star wurde, ist ja leider eher selten. Nun haben wir Pierre-Michel Lasogga. Kein Zauberer, aber trotz seiner Körperlichkeit ein beweglicher und unberechenbarer Typ. Nächste Saison Stammspieler in der Bundesliga, übernächste Torschützenkönig – und dann kann ihn ManU für 50 Mio holen.

Hertha hat ein Team, mit dem es den Bundesliga-Neustart wagen kann. Auf zwei, drei Positionen besteht Verstärkungsbedarf, aber dann können wir in der Bundesliga an großen Gegnern wachsen. Denn bei aller Liebe: Für die Zweite Liga war Berlin ein bisschen overdressed.

Thomas Brussig ist Schriftsteller, Sportfan und Berliner. Am Potsdamer Platz läuft derzeit sein Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“. Seinen Text hat Robert Ide aufgezeichnet.

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