Sport : Herthas dramatische Rettung

Kurz vor Schluss schafft Madlung das 1:1 bei 1860, dann verschießt Münchens Kioyo noch einen Elfmeter

André Görke[München]

Die letzten Minuten sind eine Qual. Die Ersatzspieler von Hertha BSC stehen auf der Laufbahn, Manager Dieter Hoeneß fuchtelt mit den Armen herum, Kotrainer Andreas Thom schreit: „Abpfeifen! Abpfeifen!“ Und dann endlich, um 17.18 Uhr, der Schlusspfiff. Hoeneß nimmt Trainer Hans Meyer in den Arm, beide weinen. Hinter den beiden rennen die Fußballer von Hertha vorbei, sie haben T-Shirts übergestreift. „Danke Hans“ steht auf der Brust. Und dann feiern sie mit den 3000 Hertha-Fans in der Nordkurve des Münchner Olympiastadions. „Nie mehr Zweite Liga!“

Hertha BSC hat am vorletzten Spieltag der Fußball-Bundesliga den Klassenerhalt geschafft. Nach dem 1:1 (0:1) bei 1860 München können sie nicht mehr abrutschen. Bis der Schlusspfiff jedoch endlich zu hören war, „hatten wir noch eine große Komödie hinter uns zu bringen". So beschrieb Herthas Stürmer Fredi Bobic die letzten acht Minuten des Spiels. Hertha lag durch ein Kopfballtor von Rodrigo Costa 0:1 zurück. Es entstand in der Folgezeit selten der Eindruck, dass die Berliner in München punkten würden. Dann lief die 83. Minute, Hertha hatte eigentlich Einwurf. Doch weil der Münchner Thorben Hoffmann den Ball nicht freigeben wollte und mit Marcelinho rangelte, entschied der Schiedsrichter plötzlich auf Freistoß für Hertha BSC. Marcelinho schlug den Ball von der rechten Seitenlinie in den Strafraum, Alexander Madlung stieg hoch und köpfte zum 1:1 für Hertha ins Netz.

Die Erlösung war in diesem Moment so nah. Doch als die Minuten qualvoll langsam herunterliefen, und das Spiel quasi vorbei war, zeigte der Schiedsrichter noch einmal auf den Elfmeterpunkt - im Berliner Strafraum. Arne Friedrich hatte einen Münchner in der Rückwärtsbewegung umgerannt und einen weiteren bei einem ungelenken Schussversuch in den verlängerten Rücken getroffen. „Vertretbare Entscheidung“, sagte Friedrich. Und so mussten die Berliner zusehen, wie der Münchner Francis Kioyo anlief – und den Ball mit voller Wucht neben das Tor drosch. Herthas Torhüter Christian Fiedler war in die falschen Ecke gesprungen. Als er aber verstanden hatte, sprang er auf und klopfte Kioyo jubelnd auf den Rücken. Trauer und Jubel lagen so dicht beieinander an diesem Nachmittag. Über das Spiel redete hinterher kaum noch wer. Weder über den Fehlschuss der Berliner durch Artur Wichniarek in der ersten Halbzeit noch über die vielen Chancen der Münchner. Herthas Trainer Hans Meyer stand durchgeschwitzt im Keller des Stadions und kritisierte den unsicheren Auftritt seiner Mannschaft, „aber nach einer ganz verrückten Saison ist es eine Riesenfreude für mich, dass wir es geschafft haben". Die Mannschaft hatte sich längst in die Kabine zurückgezogen. Den Champagner brachten dann Verantwortliche des TSV 1860 München. Bei der Rückkehr warteten am Flughafen Tegel rund 50 Anhänger und feierten die Herthaner, allen voran Madlung. Nicht dabei war Trainer Meyer, der in München geblieben war. Seine Spieler ließen es sich am späten Abend beim Italiener schmecken.

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