• Herthas Manager über seinen Ruf in Brasilien und Spieler, die zu schnell an zu viel Geld denken

Sport : Herthas Manager über seinen Ruf in Brasilien und Spieler, die zu schnell an zu viel Geld denken

Herr Hoeneß[Sie basteln seit gut drei Jahre]

Dieter Hoeneß (47) ist seit April 1997 Manager bei Hertha BSC. Der frühere Nationalspieler (6 Länderspiele) führte die Berliner gemeinsam mit Trainer Jürgen Röber aus der Zweiten Bundesliga in die Champions League. Im Trainingslager in Portimao/Portugal sprach Michael Rosentritt mit Dieter Hoeneß.

Herr Hoeneß, Sie basteln seit gut drei Jahren am Gesamtkunstwerk Hertha BSC. Wie gefällt es Ihnen selbst?

Gut. Mit Platz drei zum Ende der letzten Saison sind wir wesentlich weiter gewesen, als man das annehmen konnte.

Wird Hertha BSC überschätzt?

Wir machen das nicht. Aber mit dem Erreichen der Zwischenrunde der Champions League sind wir der Zeit weit voraus.

Wie weit sind Sie denn voraus?

In der Champions League zu spielen, ist ein enormer Gewinn, nicht nur finanziell. Wir sammeln unbezahlbare Erfahrungen.

Auch die, dass es mit dem Umschalten von Mailand auf Unterhaching nicht so leicht ist.

Absolut. Aber auch diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Unterhaching würde mit uns wohl liebend gern tauschen. Aber durch die Teilnahme an der Champions League haben wir internationale Ausstrahlung. In der Anerkennungskala sind wir weit nach oben gekommen. Und in der Liga werden wir in der Rückrunde angreifen.

Aber vorher eben mal einen Brasilianer für 15 Millionen Mark kaufen . . .

Das war eine Investition in die Zukunft.

Inwiefern ist eine Qualifikation für den internationalen Wettbewerb für Hertha Pflicht?

Für mich ist ein Platz im Europapokal keine Pflicht, allenfalls ein moralisches Muss. Wir werden und können uns nicht mit Platz neun zufrieden geben. Wir haben in der vergangenen Saison unser Ziel zweimal nach oben hin korrigiert. Unser Ziel heißt jetzt Platz sechs, verbunden mit mit der Steigerung nach oben.

Und was, wenn das nicht erreicht wird?

Dann bricht auch keine Welt zusammen. Aber es ist für unsere Entwicklung nicht so gut. Noch einmal: Nur eine Runde im Uefa-Cup ist nicht die große Chance. Wir haben jetzt ein sehr positives Image. Die Marke Hertha ist was wert.

Und Alves sehr teuer. Wie weit ist es denn mit seiner Integration gediehen?

Ich glaube, er kommt ganz gut zurecht. Die Sprache isoliert natürlich. Aber der Alex Alves versteckt sich hier nicht, er geht offen damit um. Er gehört jetzt schon dazu, und bald wird er das auch spüren.

Wie haben Sie ihn denn aufgespürt?

Unser Scout Rudi Wojtowicz hat das getan. Ich bin dann hinterhergeflogen.

Und erstmal mit leeren Händen zurück...

Stimmt. Cruzeiros Präsident hatte eine Summe aufgerufen, bei der mir schwindelig wurde. Auch als ich das zweite Mal in Brasilien war und wir uns genähert hatten, musste ich zweimal vom Verhandlungstisch aufstehen. Schließlich konnten wir uns mit unseren Vorstellung durchsetzen.

Indem Sie Alves vom schönen Berlin vorgeschwärmt haben?

Ja. Ich glaube, es ist uns ganz gut gelungen, ihn früh auf Hertha einzustimmen. Die Italiener hatten starkes Interesse an ihm. Wir hatten ihn ja mal kurz für zwei Tage in der Stadt. Und auf dem Rückflug hat er zufällig Paulo Sergio von Bayer Leverkusen getroffen. Der hat ihm denn wohl auch zu verstehen gegeben, dass ein Wechsel in die Bundesliga ganz gut für ihn ist.

Und dann ist Cruzeiros Präsident schwindlig geworden...

Nein, aber im Spaß hat er mir gesagt, dass wenn ich mal Hertha verlassen sollte, nach Brasilien wechseln muss.

Wollen Sie denn Hertha verlassen?

Natürlich nicht. Mein Vertrag läuft noch zweieinhalb Jahre. Und wenn ich noch Spaß habe und glaube, hier etwas bewegen zu können, eine Entwicklung prägen zu können und auch der Verein dieser Meinung ist, dann kann es auch länger werden. Aber ich muss in mir die Leidenschaft spüren. Wenn nicht, dann werde ich Schluss machen. So habe ich auch meine Karriere als Spieler beendet: Als Meister mit den Bayern im Europacupfinale der Landesmeister.

Weil Sie kein Feuer mehr hatten?

Ich habe mich gefragt: Wie viel machst du noch aus Leidenschaft, wie viel ist Routine?

Ihr Bruder Uli ist bei den Bayern im 21. Dienstjahr als Manager tätig.

So war das aber nie geplant. Das hat sich so ergeben.

Und was planen Sie?

In diesem Sommer werde ich mir mal den Luxus nach drei Jahren erlauben und vielleicht für zwei, drei Wochen Urlaub machen. Bisher bin ich im Jahr vielleicht auf sechs, sieben Tage gekommen. Das war reiner Raubbau - in jeder Hinsicht. Die Schlagzahl in diesem Verein ist so hoch wie in keinem anderen der Liga.

Wie hoch ist das Risiko, das der Verein mit dem Alves-Transfer eingegangen ist?

Jeder Transfer ist ein Risiko. Im Fußball gibt es keine Garantien. Doch dem Risiko steht eine Chance entgegen. Wir haben fußballerische Substanz gekauft, Substanz, die für den Verein eine gewisse Sicherheit darstellt.

Wie meinen Sie das?

Elber habe ich damals beim VfB Stuttgart für drei Millionen Mark verpflichtet. Für 15 Millionen ging er zu den Bayern. Was mit Leverkusens Emersson ist, brauche ich nicht zu sagen. Das meine ich damit.

Aber Sie haben doch Alves nicht gekauft, um ihn gleich wieder zu verkaufen?

Natürlich nicht. Aber daran muss man auch denken. Jetzt freuen wir uns, dass wir ihn haben.

Andere Spieler müssen den Verein verlassen. Bei sechs Spielern laufen die Verträge aus.

Stimmt. Ich bin aber weit davon entfernt, das Thema zu polemisieren. Ich verlange Respekt. Jeder, der den Verein verlässt, hat seinen Anteil am Erfolg. Aber für die Weiterentwicklung müssen wir Veränderungen vornehmen. Das birgt natürlich Brisanz.

Was werden Sie tun?

Es ist niemals eine Entscheidung gegen einen Menschen. Wir sind im Umbruch. Unsere Schwierigkeit liegt darin, dass wir damit nicht so viel Zeit haben wie andere. Der Puls ist bei uns höher. Wir bemühen uns um Sensibilität. Aber es wird keine Gefühlsduselei. Wir sind gezwungen, manchmal auch harte Entscheidungen zu treffen. Für mich bleibt es aber auch eine Frage des Stils - in einer Trennung Größe zeigen.

Das werden nicht alle tun, oder?

Wissen Sie, man vergisst schnell. Von manchen Spielern habe ich gehört: Mensch, ich habe doch die Knochen für das Erreichen der Champions League hingehalten. Und jetzt kann ich gehen. Stimmt. Aber wer von denen hat denn die Knochen hingehalten, um den Aufstieg in die Erste Liga zu schaffen? Das waren Spieler, die von denen verdrängt wurden, die jetzt jammern. Es gibt immer wieder Abschnitte, in denen sich das Gesicht der Mannschaft verändern muss, um eine Entwicklung zu ermöglichen.

Wie wollen Sie sichergehen, dass Sie die Richtigen geholt haben oder holen werden?

Wenn ich bei einem an der Verhandlungsform merke, dass es ihm nur ums Geld geht, dann lange nichts kommt und erst spät die sportliche Perspektive, dann ist der Spieler nicht interessant.

Und was, wenn der Spieler clever ist und die Reihenfolge umkehrt?

Das wäre zu leicht. Aber ich traue mir schon zu, einen Menschen schnell kennenzulernen. Das ist etwas, was ich habe. Ein Gefühl für Menschen. Ich habe selten geirrt.

Und jetzt setzen Sie auf den Nachwuchs von Hertha BSC. Zurück zu den Wurzeln?

Natürlich. Alle rufen nach deutschen Spielern. Deutschland hat aber ein ganz großes Problem. Erstmals nach langer Zeit kommt kaum einer nach. Sonst hatten wir immer noch ein, zwei Talente, die es geschafft haben. Wir sind dabei, Voraussetzungen für eine bessere, zentralere Nachwuchsarbeit zu schaffen. Deshalb hoffe ich auf positive Entscheidungen des Senats. Wir wollen ein Vereinszentrum errichten, denn die jetzigen Bedingungen sind eines ambitionierten Bundesligisten nicht würdig.

Worum geht es Ihnen?

Wir müssen bei Hertha BSC Strukturen schaffen, wie wir sie im Profibereich mittlerweile haben. Natürlich kindgerecht. Wir haben zwar schon einiges auf den Weg gebracht, wir haben einige Spieler in der U-15- und U-16-Auswahl, aber wir müssen alle Jugendmannschaften auf einem Fleck konzentrieren. Wir sind bereit, dafür eine Menge Geld zu investieren.

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