Herthas Mitgliederversammlung : Und ein gutes neues Jahr

Rekordumsatz, Rekordgewinn, sportlicher Erfolg – bei Hertha BSC ist die Stimmung gut wie lange nicht. Manager Dieter Hoeneß war bei der Mitgliederversammlung entspannt wie selten.

Stefan Hermanns
Migliederversammlung-1108Favre, Voronin, Cicero, Schuenemann
Kein Grund, sich zu verstecken. Hertha und Trainer Favre (links) sind mit sich zufrieden.Foto: Engler

Sage noch jemand, dass die Schweizer ein sehr bedächtiges Völkchen sind, ein bisschen langsam und in der Regel wenig spontan. Auf Lucien Favre trifft das offensichtlich nicht mehr zu. Zwar hat er mehr als nur einmal darauf hingewiesen, dass er mit seiner Mannschaft noch „ein paar Zeit“ brauche; nach fast anderthalb Jahren in Berlin aber hat er sich dem Tempo der Stadt bereits einigermaßen angepasst. Am Montagabend, bei Herthas Mitgliederversammlung, schloss Favre seine kurze Ansprache mit den Worten: „Ist das zu früh? Ich wünsche allen frohe Weihnachten.“ Im Grunde ja, aber vielleicht hatte Favre einfach die Stimmung im Saal 1 des ICC instinktiv richtig erfasst.

Schiller: "Da kannste nicht meckern."

Rekordumsatz (knapp 78 Millionen Euro), Rekordgewinn (fünf Millionen), weniger Schulden (knapp 30 Millionen), dazu der sportliche Erfolg (Tabellenplatz fünf) – wie Weihnachten ist das für Hertha. So viele gute Nachrichten auf einmal gab es lange nicht mehr. Oder, wie Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller es ins Berlinische übersetzte: „Da kannste nicht meckern.“ Und auf Weihnachten soll nun ein gutes neues Jahr folgen oder am besten gleich mehrere. Auch die aktuelle Saison werde Hertha mit einem Gewinn abschließen, verkündete Schiller, nach derzeitiger Planung etwa eine Million Euro.

„Ich bin leicht belächelt worden, als ich diese Entwicklung vorausgesagt habe“, sagte Manager Dieter Hoeneß. „Aber wir sind genau in der Spur, die wir vor anderthalb Jahren vorgegeben haben.“ Hoeneß hat in seiner Zeit bei Hertha schon erheblich turbulentere Mitgliederversammlungen mitgemacht. So entspannt hat man ihn selten erlebt. „Das war schon eine runde Geschichte“, sagte er am Tag danach. Allerdings musste sich Hoeneß diesmal auch keiner substanzieller Vorwürfe erwehren – sieht man einmal davon ab, dass ihm ein Mitglied wärmstens ans Herz legte, in Zukunft weniger Brasilianer zu verpflichten, sich stattdessen der alten Hertha-Tradition folgend verstärkt in Skandinavien umzuschauen. „Machen wir uns nichts vor“, sagte Präsident Werner Gegenbauer über die gelöste Stimmung, „dazu hat die Mannschaft sehr viel beigetragen.“ Vor allem mit ihrem Auftritt gegen die TSG Hoffenheim am Abend zuvor.

Das Spiel gegen Hoffenheim hat bereits mystische Bedeutung

Als die Spieler im ICC die Bühne betraten, wurde auf der Videoleinwand über dem Podium noch einmal Andrej Woronins Tor zum 1:0-Sieg eingespielt. Das Spiel scheint für die Berliner schon jetzt eine geradezu mystische Bedeutung zu besitzen: Der Erfolg gegen den hochgelobten Tabellenführer dient den Beteiligten als Bestätigung, dass die Mannschaft a) sehr wohl das Publikum in Berlin mobilisieren kann und b) überhaupt auf einem guten Weg ist. „Es wird auch den einen oder anderen Rückschlag geben“, sagte Hoeneß. „Aber insgesamt zeigt unsere Tendenz deutlich nach oben. Hier reift eine Mannschaft heran.“ Der Rohbau stehe, jetzt gehe es an den Innenausbau.

Zu den Feinarbeiten gehören unter anderem die anstehenden Verhandlungen mit Mannschaftskapitän Arne Friedrich, Sofian Chahed und Marko Pantelic, deren Verträge im kommenden Sommer auslaufen. Bis zur Winterpause will Hoeneß diese Personalien abgehandelt haben. Entgegen dem allgemeinen Eindruck sei die Situation im Fall Pantelic gar nicht so schlecht. „Es ist auch wichtig, Jungs mit Ecken und Kanten zu haben“, sagte Herthas Manager mit Blick auf den exzentrischen Stürmer, den er „unser Marko“ nannte. „Er muss aber auch seine Grenzen erkennen.“

Hoeneß kündigte an: „Wir wollen die Leistungsträger halten und die Mannschaft punktuell verstärken.“ Für die Rückrunde ist eine Neuverpflichtung geplant, im Notfall auch zwei. Doch das hängt davon ab, ob und wann Hertha mit den derzeit verletzten Offensivspielern Lucio, Ebert, Piszczek und Chermiti wieder rechnen kann. Dringender ist der Bedarf auf den Außenverteidigerpositionen, auf denen Hertha mit Stein (links) und Chahed nicht allzu üppig besetzt ist. Doch auch wenn die finanzielle Situation sich erheblich verbessert hat, ist ein spektakulärer Transfer im Winter nicht zu erwarten. Hoeneß sagt: „Es ist nicht so, dass wir groß in die Tasten greifen werden.“

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