Herthas Mitgliederversammlung : Vereinsführung auf Bewährung

Die Mitglieder des Tabellenletzten Hertha BSC debattierten auf der Hauptversammlung mit der Klubführung erregt über den Zustand des Bundesligisten.

Michael Rosentritt

Der Andrang war groß. Zu groß für Hertha. Die Mitglieder des Präsidiums des Fußball-Bundesligisten vertraten sich vorn auf dem Podium noch ein wenig die Beine. Mal machten sie ernste Gesichter, mal wurde getuschelt oder ganz offen gewitzelt unter der riesenhaften Leinwand, die das spätere Geschehen in die Tiefe des gut besuchten Saales im ICC sendete. In der jüngeren Vergangenheit hatten die Mitgliederversammlungen des Fußball- Bundesligisten an Teilnahme und Brisanz verloren. Gestern Abend aber war alles anders, als sich die Hertha-Familie traf.

Es lag eine angespannte, ja gereizte, Stimmung über den in blau getauchten Saal. Rund 1900 Mitglieder waren gekommen – ein sicheres Indiz dafür, dass der Haussegen schief hängt. Hertha im Herbst 2009 steckt in einer Krise, wie sie der Verein seit dem Aufstieg 1997 nicht erlebt hat, weshalb mehr als doppelt so viele Mitglieder erschienen waren wie üblich. Allein darauf führte Werner Gegenbauer den verspäteten Beginn zurück. Dass es auch technisch-organisatorische Pannen gab, etwa die Nichtaushändigung der verschriftlichten Bilanzen an die Mitglieder, wurde erst erwähnt, als nachgedrucktes Material wieder zur Verfügung stand.

Dabei ist der Verlust von 1,9 Millionen Euro, mit dem der Klub das Geschäftsjahr 2008/09 abgeschlossen hat, nicht mal das Schlimmste. Als belastender wird von den Mitgliedern die desolate sportliche Verfassung des Klubs empfunden. Fünf Punkte aus 14 Bundesligaspielen lassen wenig Spielraum für Fantasien – Hertha droht nach dem vierten Platz der Vorsaison auf kürzestem Weg in die Zweite Liga zu stürzen. Nach der Heimniederlage am vergangenen Wochenende gegen Frankfurt fehlt vielen eine halbwegs realistische Aussicht auf Besserung.

„Der Aufsichtsrat unterstützt die geplanten Verstärkungen im Winter für die Rückrunde“, sagte Bernd Schiphorst, der Vorsitzende des Aufsichtsrates. „Das Wichtigste ist jetzt der Kampf gegen den Abstieg – Zweite Liga ist Mist, sogar ganz großer Mist.“ Der Beifall war ihm sicher.

Schwerer hatte es Michael Preetz. „Für mich ist aufgeben tabu“, rief der Manager gleich zur Beginn seiner ausführlichen Rede in den Saal. Als er sagte, dass sich am 14. Spieltag, der vergangene, noch nichts entscheiden habe, musste er sich bissige Zwischenrufe gefallen lassen. „Die Spieler werden sich wehren“, sagte er und erntete dafür lautes Gelächter. Es mache keinen Sinn, „dass wir uns heute und hier auseinanderdividieren lassen“, sagte er, nachdem der Versammlungsleiter Dirk Lentfer das Auditorium um Sachlichkeit gebeten hatte. Als die Sprache schließlich auf die überaus missglückte Transferpolitik zu Saisonbeginn kam, verloren einige Mitglieder im Saal die Fassung und pöbelten minutenlang vom Rang. Für sie suchte der Nachfolger von Dieter Hoeneß zu oft den Schuldigen in Lucien Favre. Darüber hinaus lieferte Preetz dürre Erklärungsansätze – „die Eigendynamik des Misserfolgs“ habe die Mannschaft erfasst. Sein „jetzt erst recht“ wurde belächelt. Nur einmal, als er das Team kurz, ja fast beiläufig, in die Pflicht nahm, bekam er breite Zustimmung. Insgesamt benutzte Preetz gestern Abend zum Teil schwere, oft abgelesene Worte, doch seine zumeist rückwärtsgewandten Ausführungen blieben inhaltlich und emotional beliebig.

Von den im Vorfeld zahlreich eingereichten Anträgen zur Abwahl des Präsidiums und des Aufsichtsrats blieb am Ende nur einer übrig. Ihn hatte die Antragstellerin, die nicht anwesend war, zwar telefonisch zurückgezogen, trotzdem musste aus formaljuristischen Gründen schriftlich darüber abgestimmt werden – mit einem Ausgang, den sich jeder denken konnte.

Sehr viel knapper als die Rede von Preetz, dafür aber auch etwas prägnanter fielen die Sätze von Werner Gegenbauer aus. Der Geschäftsmann, der im Mai 2008 seinen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender zur Verfügung stellte und zum Präsidenten gewählt worden ist, fand deutliche Worte – auch an die so genannte Opposition. „Dieses Präsidium ist kein Schönwetter-Präsidium. Wir laufen nicht weg, aber sie müssen uns haben wollen“, sagte der 59-Jährige.

Der vorgezogene Tagesordnungspunkt Aussprache zu den Berichten förderte allerhand Unzufriedenheit zutage, einer forderte nicht namentlich genannte Präsidiumsmitglieder zum sofortigen Rücktritt auf. Den meisten Applaus bekam das Mitglied Felix Obergföll, der Michael Preetz vom Saalmikrofon aus ansprach. Seiner Meinung nach hätten die Spieler in den letzten Wochen nicht den Eindruck hinterlassen, als dass sie den Ernst der Lage erkannt hätten. Obergföll rief dem Manager unter lautem Applaus zu: „Wenn Sie unsere Unterstützung wollen, dann müssen Sie es hinbekommen, dass die Spieler ihren Arsch bewegen.“

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