Herthas Raffael : Das System Spielmacher

Der Brasilianer will trotz anders lautender Gerüchte bei Hertha BSC bleiben – und die Berliner gegen den Hamburger SV auf altmodische Art zum Erfolg führen.

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Bär und er. Maskottchen Herthinho tröstet Raffael, der mit Turban nach dem 0:1 gegen Nürnberg vom Platz schleicht.
Bär und er. Maskottchen Herthinho tröstet Raffael, der mit Turban nach dem 0:1 gegen Nürnberg vom Platz schleicht.Foto: REUTERS

Raffael hat neulich eine sehr gelungene Dieter-Hoeneß-Imitation zum besten gegeben. Doch glänzte der 26-Jährige nicht etwa mit typischen Sprüchen des ehemaligen Managers von Hertha BSC – mit seinen Deutschkenntnissen geht der Brasilianer öffentlich eher sparsam um. Er tat es nonverbal. Nach einer blutenden Kopfwunde trug er einen Turban und gab damit eine Impression des Stürmers Hoeneß, der mit einem solchen Kopfverband mal ein Pokalfinale entschieden hatte. Damit schaffte es Raffael in nur 45 Minuten am vergangenen Wochenende, der auffälligste Fußballer in einer anonymen Hertha-Elf zu werden.

Danach folgten viele Diskussionen um die Nummer zehn der Berliner. Die einen sagten, nur er könne Hertha nach der ernüchternden Auftaktniederlage gegen Nürnberg am Samstag in Hamburg etwas Spielfreude einhauchen. Die anderen fürchteten, er könne, unzufrieden mit seiner Reservistenrolle, seinen Abgang aus Berlin betreiben.

Verschiedene Zeitungen witterten schon Raffaels Berater Dino Lamberti in Berlin, um Gespräche mit Trainer Markus Babbel und Manager Michael Preetz zu führen. „Ich bin in Zürich und davor war ich in Italien“, stellt Lamberti klar, „vielleicht komme ich nächste Woche oder die Woche darauf nach Berlin.“

Mit Raffael selbst hat er schon gesprochen, aber nicht über einen Wechsel. Zwar habe der ehemalige Mitspieler Gökhan Inler ein Wort für Raffael beim SSC Neapel eingelegt, aber das sei „kein Thema. Er würde nur gehen, wenn Hertha zu mir kommt, aber Michael Preetz hat mir versichert, dass Hertha ihn halten will.“

Vielmehr redete Lamberti seinem Spieler ins Gewissen. „Er muss nun im Training zeigen, dass er in die Startelf gehört“, sagt der Berater, „er hat mir versichert, dass seit Dienstag ein anderer Wind weht und dass er nun auch den Mund aufmachen will.“

Der Wechsel im Auftreten ist gleich bemerkt worden. „Heute im Training hat er mir gefallen, da war er präsent, aggressiv und torgefährlich“, lobte Babbel am Dienstag. Das war nicht immer so. „Das war in den letzten Wochen und Monaten zu wenig“, sagt Babbel. Dass Raffael an keiner Trainingsweltmeisterschaft teilnehmen könnte, ist bekannt, ebenso bekannt sind die Durchhänger in der Vorbereitung. Das war bei den Landsmännern Marcelinho oder Alex Alves nicht anders. Dafür stimmte oft die Leistung im Spiel.

Doch bei Raffael ist das Problem anderweitig gelagert, seine Position als Spielmacher gibt es nicht mehr. Und als hängende Spitze sind Adrian Ramos oder Tunay Torun torgefährlicher als Raffael, der sich gerne auf dem Spielfeld zurückfallen lässt. Im defensiven Mittelfeld fehlt ihm dagegen der Biss in der Balleroberung.

Doch könnte ihm Herthas spielerisch erbärmlicher Auftakt in die Karten spielen. Raffael ist ein Spielmacher alter Schule, wie es ihn in den meisten Bundesliga-Mannschaften nicht mehr gibt. Selbst geniale Geister wie Mario Götze oder Shinji Kagawa funktionieren in Dortmund nur als Teil eines Systems. Da ein solches aber bei Hertha noch nicht in Sicht ist, könnte eine Lösung aus vergangenen Zeiten zur Anwendung kommen: in der Abwehr dichthalten und vorne auf die Geistesblitze eines Individualisten hoffen. Etwa von Raffael. Jetzt muss er nur noch Babbel wie in den vergangenen Tagen mit ein wenig Trainingseifer überzeugen. Denn „wenn er so bleibt, dann werde ich immer einen Platz für ihn haben“, sagt Babbel. Was nicht für den Berliner Systemfußball spricht.

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