Sport : Herthas schlanke Zukunft

Die Schuldenlast drückt auf die Bilanz – heute muss sich die Klubführung den Mitgliedern erklären

Sebastian Bickerich,Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Wenn heute Abend ab 19 Uhr im Saal eins im Internationalen Congress-Centrum (ICC) die Hertha-Mitglieder zur halbjährigen Mitgliederversammlung strömen, erwarten die Führung des Bundesligisten bange Fragen: Ist die Zukunft des Vereins wirklich gesichert, sportlich wie finanziell? Ermöglicht die Gesamtverschuldung von 44,12 Millionen Euro überhaupt noch nennenswerte Spielräume für Neuverpflichtungen?

Herthas Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller bejaht beides und verweist auf den Sanierungsplan, den er Hertha Anfang März auferlegt hat. Darin wandelte der Klub seine kurzfristigen Verbindlichkeiten in mittelfristige um – mit Hilfe eines Darlehens in Höhe von 30 Millionen Euro von der Deutschen Bank, der Deutschen Kreditbank und der Bankgesellschaft Berlin. Dass Schiller und Manager Dieter Hoeneß 510 000 Euro ihrer Bezüge stunden, wie erst jetzt öffentlich wurde, sei Teil des Finanzplans – und „den Banken bekannt“, sagt Schiller und verweist zudem auf den jüngst abgeschlossenen Vertrag über das Trikotsponsoring mit der Deutschen Bahn, der die Ertragslage des Bundesligaklubs weiter verbessere.

Bei der so genannten Opposition stößt das Finanzgebaren der Vereinsoberen auf Kritik. So liegt noch immer ein Misstrauensantrag gegen den gesamten Aufsichtsrat vor. „Wären von Anfang an die Risiken der Verschuldung; Anmerkung der Redaktion] benannt worden, hätten die Vereinsmitglieder über Wahlen und Entlastungen ihre Zustimmung oder ihre Ablehnung dieses Kurses ausdrücken können“, steht darin – stattdessen gewannen die Antragsteller den Eindruck, dass die Vereinsführung „nur auf großen öffentlichen Druck“ und „in kleinen Häppchen“ über die Finanzlage des Vereins Aufschluss gegeben habe. Schiller weist diesen Vorwurf zurück und betont, dass Hertha bis 2010 einen „soliden Finanzplan“ aufgelegt habe. Dieser Plan – genauso wie der Jahresbericht 2005/06 der Hertha-Kommanditgesellschaft (KGaA) – sei öffentlich gemacht worden, das Finanzgebaren transparent. Hertha könnte dem Misstrauensantrag also gelassen entgegen sehen. Und doch versucht die Vereinsführung mit allen Mitteln, ihn gar nicht auf die Tagesordnung gelangen zu lassen – weil einer der Antragsteller seine Mitgliedsbeiträge nicht bezahlt habe, wie es heißt. „Dann gehen wir vor das Vereinsgericht“, hieß es gestern aus dem Kreis der Antragsteller, die vorwiegend aus Fan- gruppen kommen.

Auch die sportliche Zukunft dürfte heute Abend Thema werden im ICC. Denn Hertha wird bis 2010 kaum Geld in neue Spieler investieren können. Der Personalkosten lagen in der vergangenen Spielzeit bei 26,2 Millionen Euro. In der kommenden Saison sollen etwa 26,4 Millionen in die Profimannschaft investiert werden. Bis 2010 wird sich an der Summe für die Mannschaft auch nicht viel ändern, der Klub will seine Verbindlichkeiten bis dahin um 15,5 Millionen reduzieren. Die Transfergeschäfte der Berliner werden ähnlich ablaufen wie in diesem Jahr. Verlässt ein Spieler den Klub, dann kann Hertha einen neuen holen, der genauso viel Gehalt bekommt. So hätte Hertha nur dann einen neuen Innenverteidiger verpflichtet, wenn Josip Simunic den Verein verlassen hätte. Der wahrscheinliche Wechsel von Alexander Madlung zum VfL Wolfsburg und die Abgänge von Thorben Marx, Oliver Schröder, Gerhard Tremmel, Vaclav Sverkos und Niko Kovac sollen größtenteils mit aufrückenden Spielern aus der zweiten Mannschaft kompensiert werden. Nur der Kauf eines Stürmers ist noch geplant, Jan Koller von Borussia Dortmund ist im Gespräch. Der Tscheche wäre ablösefrei zu haben, weil sein Vertrag ausläuft.

Aus laufenden Verträgen wird Hertha vorerst keine Spieler herauskaufen können. Das im März vorgestellte Finanzkonzept des Klubs ist laut Ingo Schiller „konservativ“. Der Plan sei ausschließlich auf der Grundlage von garantierten Einnahmen erstellt worden. Es sei denn, die Berliner erzielen selbst Transfererlöse – oder sie erspielen sich im DFB- oder Uefa-Pokal zusätzliche Einnahmen.

Nur vor einer Unwägbarkeit haben sie Angst bei Hertha, auch wenn das keiner zugeben will: vor der Zweiten Liga. „Unser Finanzplan gilt auch dann“, sagt Schiller zwar. Die Rückzahlung der Verbindlichkeiten dauere dann aber länger.

0 Kommentare

Neuester Kommentar