Sport : Herthas Schwellenangst

Die Berliner haben im Uefa-Cup wieder einmal eine Gelegenheit verpasst, auf sich aufmerksam zu machen

Stefan Hermanns

Berlin - Dieter Hoeneß ist nicht der Typ, der sich alles Schlechte schon im Voraus ausmalt. In seiner Diktion heißt das, er denke nicht in Worst-Case-Szenarien. Doch vor dem Uefa-Cup-Spiel in Odense hat der Manager von Hertha BSC eine Ausnahme gemacht. Schon seit dem Hinspiel quälte ihn die Befürchtung, dass die Sache nicht gut ausgehen werde. Für den Fall des Ausscheidens aber hatte er vorausgesagt, „dass da nichts zusammenbrechen wird“. Die theoretische Vorbereitung auf den Ernstfall ist das eine, der praktische Umgang mit ihm das andere. Als Herthas Erstrundenaus im Uefa-Cup rechtsgültig war, stand Hoeneß an der Seitenlinie. Ein Kameramann des deutschen Fernsehens näherte sich ihm. Herthas Manager wurde wütend und stieß die Kamera weg.

Es war der einzige Moment, in dem Hoeneß erkennen ließ, wie sehr die 0:1-Niederlage bei den Dänen ihn wirklich mitgenommen hatte. Am Rest des Tages schaffte er es erfolgreich, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Wenn man Hoeneß und seinen Ehrgeiz nicht kennt, könnte man glauben, dass auch bei ihm inzwischen der Prozess der Gewöhnung eingesetzt hat. Denn genauso gerne, wie Hoeneß von Worst-Case-Szenarien spricht, spricht er auch von den Big Points, wenn die Mannschaft mal wieder fette Beute machen kann. Zuletzt hat sie genau diese Gelegenheiten immer wieder verstreichen lassen: Vor einem Jahr verbaselten die Berliner am letzten Spieltag den Einzug in die Champions League, weil es der Mannschaft nicht gelang, zu Hause ein mickriges Törchen gegen Hannover zu erzielen, in diesem Frühjahr verfehlte Hertha die direkte Qualifikation für den Uefa-Cup.

„Eine ganze Saison haben wir dafür gekämpft“, sagte Ellery Cairo, „und dann ist es nach einer Runde schon wieder vorbei.“ Finanziell hat das Ausscheiden laut Hoeneß „keinerlei Bedeutung, weil der Uefa-Cup im Etat nicht eingeplant war und in diesem Wettbewerb ohnehin keine Reichtümer zu gewinnen sind“. Viel gravierender ist der Imageschaden. Wieder einmal hat der Verein, der jenseits von Berlin und Brandenburg kaum wahrgenommen wird, leichtfertig eine Chance vertan, ein größeres Publikum auf sich aufmerksam zu machen. Seit Jahren ist Hertha BSC eine Schwellenmannschaft: eine Mannschaft, die vor großen Taten zu stehen scheint, diese Schwelle zur nächsten Ebene aber nicht überwinden kann.

Auch große Niederlagen könnten diese Entwicklung beschleunigen, doch die Mannschaften, an denen Hertha im Uefa-Cup gescheitert ist, taugen nicht zur Mythenbildung. Eine mythische Niederlage hat es nur im Herbst 2000 gegeben, als die Berliner bei ihrer ersten Uefa- Cup-Teilnahme nach dem Aufstieg gegen Inter Mailand eine Minute vor Schluss den entscheidenden Gegentreffer kassierten. Seitdem hießen Herthas finale Gegner in diesem Wettbewerb Servette Genf, Boavista Porto, Groclin Grodzisk und Rapid Bukarest. Odense BK ist eine würdige Fortsetzung dieser Reihe. Der dänische Klub ist bei neun Europapokal-Teilnahmen seit 1978 nur zweimal über die zweite Runde hinausgekommen.

Das 0:1 in Odense war im zwölften Pflichtspiel dieser Saison die erste Niederlage, und Trainer Falko Götz sagt vor dem Bundesligaspiel gegen Stuttgart (Sonntag, 17 Uhr, Olympiastadion): „Wir wollen den guten Eindruck verfestigen und verstetigen.“ Das ist kein Widerspruch. Nicht nur in dieser Saison, sondern über die Jahre hinweg hat Hertha in der Bundesliga ordentliche Bilanzen vorzuweisen; echte Siegermentalität aber zeigt sich vor allem in K.-o.-Spielen. Einen entsprechenden Nachweis sind die Berliner bisher sowohl im Uefa-Cup als auch im DFB-Pokal schuldig geblieben. International schafften sie es nie über das Achtelfinale hinaus, national erreichten sie nur einmal das Viertelfinale. Im DFB-Pokal scheiterten sie in den vergangenen fünf Jahren unter anderem an den Regionalligisten Kiel, Braunschweig und St. Pauli.

Siegermentalität könne man nicht verordnen, hat Manager Hoeneß immer wieder gesagt, die müsse sich entwickeln. Der Uefa-Cup war vor allem für die jungen Spieler in Herthas Kader als Fortbildungsveranstaltung gedacht. Dieser Prozess wird nun verlangsamt. Eine Alternative dazu gibt es nicht. Vor drei Jahren hat Hoeneß versucht, Siegermentalität von außen zu kaufen, er hat Niko Kovac und Fredi Bobic verpflichtet, die als unbequeme Typen galten. Am Ende jener Saison hat Hertha dann nur mit Mühe den Abstieg verhindert.

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