Herthas Sieg gegen Hoffenheim : Die Spielverderber von der Spree

Herthas Qualität besteht vor allem darin, dem Gegner kühlen Herzens den Spaß am Fußball zu nehmen. Das gelang beim 1:0 gegen Hoffenheim perfekt, Hertha ist nun Tabellenfünfter.

Sven Goldmann
Fußball - Hertha BSC Berlin - 1899 Hoffenheim 1:0
Den Torjäger im Griff. Marc Stein hält Hoffenheims Vedad Ibisevic fest, um Josip Simunic zu helfen.Foto: dpa

Der Augenblick, in dem sich alles entschied, nahm eher unspektakulär seinen Lauf. Hoffenheims Brasilianer Luiz Gustavo winkelte den rechten Fuß an und war bereit, den Ball auf die Reise ins Nirwana zu schicken. Das war gut gedacht und doch unzureichend ausgeführt, weil nämlich auf einmal Gojko Kacar heranflog. Herthas Serbe, gerade eingewechselt, hielt seine Sohle über den Ball, der daraufhin den Weg zu Maximilian Nicu fand und von dem aus weiter zu Andrej Woronin.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Woronin lief noch ein paar Schritte und traf zum 1:0-Sieg über die TSG 1899 Hoffenheim. Ausgerechnet der ewig um sein Renommee kämpfende Klub aus Berlin stürzte den neuen Liebling der Feuilletons von der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga. Und die alles entscheidende Szene Mitte der zweiten Halbzeit charakterisierte denkbar treffend, was sich an diesem Sonntag im Olympiastadion zugetragen hatte.

Überragend! Sensationell! Weltklasse! So formulierte Herthas Manager Dieter Hoeneß später. Adressaten seiner Komplimente waren nicht die kreativen Berliner Kräfte wie Woronin, Raffael oder Cicero. Sondern Josip Simunic und Arne Friedrich, beide dafür zuständig, das gegnerische Spiel zu zerstören. „Besser als unsere Innenverteidiger kann man einfach nicht spielen“, befand Hoeneß und hatte damit so unrecht nicht. Herthas starke Defensive verdarb den Spaßfußballern aus Hoffenheim den Spaß, wo sie ihn sonst am größten pflegen: ganz vorn, wo die Kameras immer zugegen sind und Woche für Woche die Verve des Überraschungsteams aus der Provinz einfangen.

Hoffenheim spielt ereignisorientiert, Hertha ergebnisorientiert

Herthas Qualität in der Saison 2008/09 besteht vor allem darin, dem Gegner den Spaß und die Freude am Spiel zu nehmen. Das klingt negativer, als es gemeint ist, und illegitim ist diese Herangehensweise schon gar nicht. Sinn und Zweck eines Fußballspiels besteht darin, am Ende ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Das funktioniert ereignisorientiert über attraktiven Angriffsfußball, wie ihn Hoffenheim in dieser Saison spielt. Oder ergebnisorientiert, mit kühlem Verstand und sachlicher Arbeit, wie es Hertha praktiziert.

Diese Berliner Interpretation des Spiels hat in dieser Saison nicht immer funktioniert. Wenn, wie in Bremen oder München, der Gegner ein schnelles Tor schießt, bricht das Gefüge schnell zusammen. Zur spielerischen Volte fehlt der Mannschaft (noch?) die Klasse. Wehe aber, wenn sie erst einmal Fuß gefasst hat, wie in Leverkusen oder gegen Stuttgart und Hoffenheim. Für die grundsätzliche Herangehensweise spricht der bemerkenswerte fünfte Platz, den Hertha nach zwölf Bundesligaspielen einnimmt. Das entspricht nicht ganz dem Glanz der Darbietungen auf dem grünen Feld der Wahrheit. Feste der Schönheit gab es im Olympiastadion in dieser Saison noch nicht zu bestaunen. Aber wohlkalkulierte Momente fußballerischer Effektivität, die Kapitän Friedrich in der Ansicht bestärkten, „dass wir auf dem besten Weg sind, zu Hause wieder eine Macht zu werden“.

Keine Innenverteidigung ist derzeit besser als Simunic und Friedrich

Der Angriffsfußball des dritten Jahrtausends mag komplizierte Hintergründe haben, aber er folgt einer simplen Konstruktion der Verteidigungskunst. Die Abwehrspieler im Zentrum sind für die Absicherung zuständig, die auf den Außenbahnen für das Tempo und die Attraktivität. Es gibt in diesen Bundesligatagen wahrscheinlich keine Innenverteidigung, die besser spielt, als es Simunic und Friedrich tun. Hoffenheims Sejad Salihovic, der vielleicht beste Flankengeber der Liga, schlug am Sonntag elf Ecken vor das Berliner Tor und beschwor doch kein einziges Mal Gefahr herauf. Von 17 Kopfballduellen gewann Hertha 14. Und dass Vedad Ibisevic, der erfolgreichste Stürmer dieser Bundesligasaison, nach einer guten Stunde und null Torschüssen bei 92 Prozent verlorenen Zweikämpfen ausgewechselt wurde, kam ja nicht von ungefähr.

Auf der anderen Seite aber leistet sich kein anderes Bundesligateam mit gehobenem Anspruch den Luxus, die Außenpositionen mit derart limitierten Fußballspielern wie Marc Stein und Sofian Chahed zu besetzen. Ohne Absicherung lässt sich kein Spiel gewinnen, ohne Attraktivität schon.

Hertha spielte am Sonntag nicht schön, aber effektiv. Mit Geduld und dem festen Glauben daran, dass sich mit zielstrebiger Arbeit jeder Gegner besiegen lässt. Woronins Siegtor stand exemplarisch für diesen Stil. Sollen sie bei den Hoffenheimer Zauberlehrlingen doch Beschwerde führen über Kacars grenzwertige Grätsche, die dem Tor vorausging. Für derartige Feinheiten interessiert sich die Statistik nicht.

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