• Herthas Stürmer wird wieder zum Pokal-Star, betreibt aber vor allem Selbsttherapie

Sport : Herthas Stürmer wird wieder zum Pokal-Star, betreibt aber vor allem Selbsttherapie

Frank Bachner

Es ist höchste Zeit, den Fußballfan über einen erschütternden Verdacht zu informieren: Tore zu schießen ist für einen Torjäger etwas Schreckliches. Die Höchststrafe quasi. Zumindest bei Hertha BSC. Der Jubel? Reine Show. Der Spurt zum Trainer oder zu den Fans? Abbau von Aggressionen. Und manchmal lässt sich das Leiden nicht überspielen. Nachdem Michael Preetz mal zwei Tore geschossen hatte, eins davon - auch das noch! - brasilianisch, stürmte er mit solch grimmiger Miene zur Kabine, dass sensible Journalisten instinktiv einen Fluchtweg suchten. Und am Mittwoch nun Ilija Aracic. Der Kroate schoss das entscheidende Tor zum 3:2-Pokalsieg gegen TeBe (Hertha trifft nun auswärts auf Mainz), ausgerechnet Aracic, der noch im letzten Pokalduell für TeBe zwei Treffer erzielt hatte. Ein Tor, wie schrecklich. Aracics Selbstdisziplin ließ noch ein TV-Interview zu, aber dann stürmte der Mann des Tages wortlos und finster blickend in die Kabine. Und wenn er, entsetzlicher Gedanke, nun zweimal getroffen hätte? Vermutlich hätte er die Frage eines Reporters dann mit einer linken Geraden beendet wie angeblich mal Graciano Rocchigiani die Kritik seines Fahrlehrers.

Aber er traf nur einmal, davon kann man sich ziemlich schnell erholen, und kurz vor Mitternacht sprach er, leise und freundlich, wie man ihn kennt. Nur die Rolle, die man ihm verpassen wolte, der verweigerte er sich. Seht her, sagten alle: der Held des Tages. "Ich habe schon früher gezeigt, dass ich Tore erzielen kann und dass ich ein guter Stürmer bin", sagt Aracic. Sicher "war es ein besonderes Spiel" und ein "besonderes Tor" auch, aber nicht für ihn, für "den Verein". Aracics emotionale Bindung zu seinem alten Klub ist geringer, als viele denken. In dieser Saison verfolgte er kein einziges TeBe-Spiel live, "obwohl ich Zeit gehabt hätte".

Es war nicht ein erster Linie ein Tor gegen sein früheres Team. Es war vor allem ein Tor für ihn ganz persönlich. Er brauchte dieses Erfolgserlebnis. Er ist Ersatz bei Hertha, nur Ersatz, und das ist hart für einen, der in die kroatische Nationalmannschaft drängt. Aber zugleich ist Aracic keiner, der nach links und rechts beisst. Bei Hertha kämpfen sie zwar nicht mit Haken und Ösen, aber es sind Profis, die ihren eigenen Gesetzen folgen. "Er muß sich mehr Ellenbogen-Mentalität aneignen", sagt Hertha-Trainer Röber. "Ich habe genügend Selbstvertrauen", antwortet Aracic. Für die Zweite Liga, wo die Konkurrenten weniger stark und angewinkelte Arme für ihn nicht so bedeutsam sind, dafür reicht es. Aber für die rauhe Erste Liga, dafür reicht es nur begrenzt. Als vor einiger Zeit mal öffentlich über den Kauf eines Stürmers spekuliert wurde, zog Röber seinen Offensivmann zur Seite. Hör mal her, sagte er zu Aracic, du bist hinter Preetz und Daei meine Nummer drei. Und wenn du besser bist als einer von ihnen, spielst du. Streicheleinheiten, die Aracic mehr braucht als andere.

Natürlich katapultiert ihn sein Tor nicht zurück auf einen Stammplatz. Aber Aracic hätte nun sagen können, der Trainer wird jetzt schwer an mir vorbeikommen oder: Sicher denke ich, dass ich in München Vertrauen bekomme. Das muß er selbst nicht glauben, aber das sind die üblichen Spielchen, um die eigene Position zu verbessern. Doch Aracic sagt bloß: "Ich kann jetzt nicht erwarten, dass ich gegen Bayern von Anfang an spiele." Und: "Ich möchte mich im Training weiter aufdrängen." Und wie er das sagt. Leise, ohne jenen Nachdruck, der echten Kampfgeist verrät. Er ist kein Großmaul, das spricht für ihn, aber in der Bundesliga wird das ohne gleichzeitig überragende Leistungen eher als Schwäche eingestuft.

Zumindest im eigenen Team. Frühere Kollegen sehen das etwas anders. TeBe-Routinier Bruno Akrapovic verzog nach dem Spiel seinen Mund zu einem kurzen Lächeln. Dann sagte er: "Mir ist lieber, Ilija Aracic hat dieses Tor geschossen als ein anderer."

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