Herthas System : Gefahr aus dem Mittelfeld

Hertha will gegen Dortmund alte Stärke wiederfinden: die Torgefahr aus dem Mittelfeld. In der Hinrunde haben die Berliner davon häufig profitiert.

Michael Rosentritt
Hertha BSC Berlin - Bayer 04 Leverkusen
Druck aus der Mitte. Cicero gewinnt wieder mal ein Kopfballduell.Foto: dpa

BerlinEin blondes Haarteil hat es dank der Boulevardzeitungen zu einiger Bekanntheit in dieser Stadt gebracht. Es ist ein Zopf, über den alle Bescheid wissen, und er gehört dem Stürmer Andrej Woronin, der die Mannschaft von Hertha BSC in der Bundesligarückrunde fast im Alleingang an die Tabellenspitze geschossen hat. Dumm ist nur, dass jetzt ein anderer Körperteil Woronins die Fans erschreckt, der an seinem Kopf genau gegenüber liegt: die Nase. Vor dem heutigen Bundesligaspiel im Olympiastadion gegen Borussia Dortmund, bei dem Hertha die Tabellenführung verteidigen will, lautet die bange Frage: Ist auf Woronins gebrochene Nase Verlass?
Ein guter Stürmer braucht ein gutes Näschen, heißt es. Wer die jüngere Geschichte von Woronin kennt, weiß, dass sich der bullige Stürmer nicht von solcherlei Handicaps aufhalten lässt. Bereits im Oktober hatte er sich die Nase gebrochen, auf dem Flughafen. Fragt sich, ob die Verletzung sich negativ auf seine zuletzt so ansprechende Leistung auswirken könnte. Doch Trainer Lucien Favre weiß ohnehin, dass der Erfolg nicht nur von einem Spieler abhängen darf. Weshalb gegen Dortmund das Mittelfeld wieder mehr in der Verantwortung steht.

Dieser Mannschaftsteil hatte den Grundstein für die bis dato überaus erfolgreiche Saison gelegt. In der Hinrunde waren es insbesondere die Tore von Spielern wie Cicero und Gojko Kacar, die Hertha in der Tabelle klettern ließen. Die beiden weitgehend unbekannten Spieler erzielten in der Hinrunde jeweils fünf Tore und waren damit erfolgreicher als die Stürmer Andrej Woronin (drei) und Marko Pantelic (vier). Zudem erzielten auch andere Mittelfeldspieler wie Maximilian Nicu (2), Patrick Ebert (1) und Fabian Lustenberger (1) Tore. Insgesamt 14 Treffer gingen auf das Konto von Mittelfeldspielern. In der Rückrunde sind es lediglich zwei von Cicero und Dardai. Acht der insgesamt zwölf Rückrundentore erzielte Andrej Woronin, der von ihm verdrängte Pantelic brachte es auf zwei.

Die Torgefährlichkeit aus dem Mittelfeld „ist ein Teil unserer Stärke, das hat uns in der Vorrunde enorm geholfen“, sagt jetzt Herthas Manager Dieter Hoeneß. „Wenn unsere Mittelfeldspieler Tore erzielen, dann führt das auch dazu, dass die Stürmer nicht so zugedeckt werden.“ Auch Trainer Lucien Favre weiß, dass ein torgefährliches Mittelfeld auf Dauer unersetzlich ist.

Kacars Torgefahr hat zuletzt gefehlt

Die Gründe für die Entwicklung der Rückrunde liegen wie so oft an einzelnen Personen. Kacar und Lustenberger hatten sich zum Hinrundenabschluss langwierige Verletzungen zugezogen. Lustenberger hat bis heute kein einziges Spiel absolviert, Kacar fiel insgesamt drei Monate aus und bestritt zuletzt zwei Kurzeinsätze. Insbesondere die Dynamik, das offensive Kopfballspiel und die Schussgenauigkeit des 22 Jahre alten Serben fehlten Hertha. Für ihn war Pal Dardai eingesprungen. Den defensiven Part dieser Rolle interpretierte der Ungar exzellent, nur leider hat er nicht die Torabschlussqualitäten seines elf Jahre jüngeren Mitspielers. So boten sich Dardai in fast jedem Spiel einige hochwertige Einschussmöglichkeiten, doch nur eine wusste er zu verwerten. Kacar hätte wahrscheinlich die Hälfte dieser Chancen genutzt.

Die Torgefährlichkeit aus der zweiten Angriffsreihe hatte wesentlich zur Unberechenbarkeit der Berliner geführt. Der Gegner wusste eben nicht so klar, auf welchen Herthaner die Defensive sich besonders einzustellen hatte. Auch wenn einer wie Woronin derzeit nur schwer unter Kontrolle zu bringen ist, darf sich laut Favre niemand darauf verlassen. Woronin ist zwar im Frühjahr 2009 in der Form seines Lebens. Der 29-Jährige nutzt fast jede sich ihm bietende Chance, aber wie lange hält so eine Serie? Was, wenn Woronin plötzlich nicht mehr trifft, sondern nur noch so selten wie in der Hinrunde, als er drei Tore erzielte? „Ja, es ist wichtig, dass auch aus anderen Mannschaftsteilen Treffer fallen“, sagt Favre. Wenn viele Spieler für Tore infrage kämen, sei es für den Gegner einfach schwerer, wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen. „Wir brauchen für unser Spiel Gefahr von überall.“ Er hätte auch sagen können: Wir brauchen mehr Zöpfe.

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