Herthas Tolga Cigerci : Ein zweiter Pass fürs Herz

Tolga Cigerci war ein Aufsteiger der Hinrunde bei Hertha – und früher U-19- und U-20-Nationalspieler. Nun will der Deutsche für die Türkei spielen.

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Eine Entscheidung des Herzens. Cigerci (r., mit Dortmunds Lewandowski).
Eine Entscheidung des Herzens. Cigerci (r., mit Dortmunds Lewandowski).Foto: Imago

Rob Reekers hat sich zu Beginn des Trainingslagers einen kleinen Scherz mit Tolga Cigerci erlaubt. „Tolga!“, rief der Co-Trainer von Hertha BSC, als Cigerci sich gerade für ein Interview mit dem türkischen Fernsehen präparierte. „Ich wusste gar nicht, dass du Türke bist. Ich dachte, du kommst aus Kamerun.“ Türke, Kameruner – streng genommen ist Herthas Mittelfeldspieler weder das eine noch das andere. Tolga Cigerci besitzt ausschließlich den Pass der Bundesrepublik Deutschland. Doch das soll sich bald ändern. Die Bemühungen, zusätzlich zum deutschen auch einen türkischen Pass zu bekommen, laufen.

Der Besitz der türkischen Staatsangehörigkeit wäre die Grundvoraussetzung, damit sich für Cigerci ein Herzenswunsch erfüllt. Vor anderthalb Jahren hat der frühere deutsche U-20-Nationalspieler bekannt gegeben, dass er künftig für die Türkei spielen wolle. „Das war eine Entscheidung mit dem Herzen“, sagt der 21-Jährige, der gerade mit Hertha im Trainingslager in der Türkei weilt. Cigerci steht nicht unbedingt auf Trainingslager, aber diesmal ist das ein bisschen anders. In Belek ist er eine große Nummer. Seit Tagen schon liegt ihm ein Kellner des Mannschaftshotels in den Ohren, ob er ihm nicht ein Trikot überlassen könne. „Ich liebe die Türkei. Das ist meine Heimat“, sagt Cigerci. „Hier zieht mich alles an.“ Schon auf dem Flughafen in Antalya hat er das wieder gemerkt. Die Gerüche, die Geräusche: „Es ist ein anderes Gefühl.“

Kontakt zum türkischen Verband oder eine konkrete Anfrage des neuen Nationaltrainers habe es bisher nicht gegeben; aber das liegt vielleicht auch daran, dass Cigerci im Moment gar nicht spielberechtigt wäre für die türkische Nationalmannschaft. Wenn es allerdings so weitergeht wie im vergangenen halben Jahr, könnte seine Einbürgerung bald höchste Priorität genießen. „Tolga hat in seiner persönlichen Entwicklung Riesenschritte gemacht. Er ist ein Spieler, der uns unglaublich gut getan hat“, sagt Cigercis Vereinstrainer Jos Luhukay. „Er ist jung, dynamisch, lauffreudig, technisch gut.“

„Football is my life“, hat sich Cigerci auf sein linkes Handgelenk tätowieren lassen. Seine Leidenschaft, vor allem aber die Begabung für diesen Sport ist schon früh aufgefallen. Als Cigerci 2011 mit dem VfL Wolfsburg die deutsche A-Jugendmeisterschaft gewann, hatte er bereits seine ersten Spiele in der Bundesliga hinter sich. Doch danach ist seine Karriere ein wenig ins Stocken geraten. Von Wolfsburg wurde er an Borussia Mönchengladbach ausgeliehen, wo er in anderthalb Jahren allerdings nur 14 Ligaspiele bestritt. Erst bei Hertha hat sich Cigerci als Stammkraft etabliert. Seit dem neunten Spieltag hat er immer in der Startelf gestanden. Auf die Frage, ob ihm früher qua Talent alles vielleicht ein wenig zu leicht vom Fuß gegangen sei, will er sich nicht richtig einlassen. „Ich brauche das Vertrauen meines Trainers“, antwortet er. „Dann kann ich das bringen, was ich drauf habe.“

Bei Luhukay spürt er dieses Vertrauen. Ende August hat Hertha den Mittelfeldspieler im Verbund mit Per Skjelbred verpflichtet. Und auch wenn der Anlass – der Kreuzbandriss bei Spielmacher Alexander Baumjohann – ein eher unglücklicher war, nennt Luhukay seine beiden Neuen „absolute Glücksfälle“. Zusammen mit Hajime Hosogai sind sie für Herthas erstaunliche Stabilität verantwortlich. „Gerade unser Mittelfeld ist außergewöhnlich stark“, sagt Luhukay. „Es ist mit ein Grund, warum wir noch nicht einmal auseinandergespielt worden sind.“ Herthas Trainer findet es nicht normal, was gerade von den Mittelfeldspielern „jede Woche an Kilometern weggelaufen wird“. Hosogai, Skjelbred und Cigerci bewegen sich verlässlich an der 13-Kilometer-Marke.

„Ich bin ein Kämpfer, habe viel Ehrgeiz und einen starken Willen“, sagt Cigerci. „Aber eigentlich hasse ich laufen.“ Auf dem Platz hat er diese Abneigung bisher geschickt verborgen. Überhaupt ist sein Spiel ziemlich uneitel: Es drängt sich nicht auf. „Es gibt kaum Ausschläge in seinen Leistungen“, sagt Luhukay. Und das ist durchaus anerkennend gemeint. In der internen Bewertung wird Cigerci immer besser wegkommen als in der Wahrnehmung des gemeinen Fans, der eher flotte Dribblings, erfolgreiche Torabschlüsse oder kühne Paraden des Torwarts registriert. Trainer hingegen schätzen Cigercis selbstlose Art, den dienenden Charakter seines Spiels, den Blick fürs große Ganze: das Wohltemperierte, nicht das Spektakuläre.

Cigerci ist ein Trainerspieler. Steve McClaren, unter dem er für Wolfsburg in der Bundesliga debütiert hat, hat Cigerci seinem Kollegen Lucien Favre wärmstens empfohlen. Auch Gladbachs Trainer hat große Stücke auf den Mittelfeldspieler gehalten. Eine Weiterverpflichtung scheiterte aber an der Fantasieablöse von 2,5 Millionen Euro, die Wolfsburg für ihn aufgerufen hatte.

Auch bei Hertha spielt Cigerci nur zur Probe. Im Sommer endet sein Leihvertrag, allerdings besitzen die Berliner eine Kaufoption für eine Million Euro. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass sie diese Option verstreichen lassen – zumal auch Tolga Cigerci nichts gegen etwas mehr Planungssicherheit einzuwenden hätte. „Vom Kopf her wäre ich wahrscheinlich noch befreiter“, sagt er. „Vielleicht könnte ich noch besser spielen.“ Einen Versuch wert wäre es allemal.

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