Herthas Verletzungspech : Unfreiwillige Rotation

Bei Erzgebirge Aue muss Hertha mehrere verletzte Spieler ersetzen – Rob Friend und Waleri Domowtschiski stehen vor einem Comeback.

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Sehnsucht nach dem Ball. Herthas Stoßstürmer Rob Friend (r.) spielt mal wieder.
Sehnsucht nach dem Ball. Herthas Stoßstürmer Rob Friend (r.) spielt mal wieder.Foto: dpa

Berlin - Markus Babbel hat in dieser Woche wieder mit Macht an seinem Ruf gearbeitet, ein unnachgiebiger Zuchtmeister zu sein. Völlig unvorbereitet hat der Trainer von Hertha BSC seine Spieler zum Laktattest gebeten; anhand der dabei ermittelten Werte will er ihnen für die Sommerpause individuelle Trainingspläne mitgeben, die penibelst einzuhalten sind. Aber auch was die zu Ende gehende Saison angeht, erlaubt Babbel trotz des feststehenden Aufstiegs keine Nachlässigkeit. Sollte seine Mannschaft die Meisterschaft in der Zweiten Liga bei sechs Punkten Vorsprung doch noch verspielen, werden die Spieler in der Sommervorbereitung vermutlich in Zelten schlafen und morgens im Wald nach Essbarem suchen müssen. Deshalb hat es für Babbel auch nie zur Debatte gestanden, die beiden noch ausstehenden Spiele für personelle Experimente zu nutzen. Genau dazu aber ist er heute gezwungen.

Pierre-Michel Lasogga und Raffael haben vor einer Woche beide ihre fünfte Gelbe Karte gesehen. Sie sind heute bei Erzgebirge Aue (13.30 Uhr, live bei Sky) gesperrt, zudem werden die verletzten oder erkrankten Roman Hubnik, Peter Niemeyer, Patrick Ebert nicht dabei sein – ebenso Torwart Maikel Aerts, den Sascha Burchert ersetzen soll. Die Rotation könnte auch zwei Spielern zur Rückkehr in die Startelf verhelfen, die zu Saisonbeginn bei Hertha noch gesetzt waren, ihre Bedeutung aber komplett eingebüßt haben. Dass Rob Friend, 30, für Lasogga im Sturm beginnen wird, gilt als so gut wie sicher, und Waleri Domowtschiski, 24, ist zumindest eine Option für den Platz des Brasilianers Raffael im offensiven Mittelfeld. „Er ist ein guter Typ und klasse Fußballer“, sagt Markus Babbel über den Bulgaren. „Von der Spielintelligenz ist er vielleicht sogar einer unserer Besten.“

Was die Spielpraxis angeht, hinkt Domowtschiski seinen Kollegen weit hinterher. Am 14. Spieltag stand er zuletzt in Herthas Startelf, seitdem kommt er auf sechs Einwechslungen. Das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass Domowtschiski in den ersten zwölf Spielen der Startelf angehörte, in den ersten zehn Begegnungen fünf Tore erzielte und damit bis in die Rückrunde hinein Herthas erfolgreichster Torschütze war. „Er ist Leidtragender der Systemänderung“, sagt Babbel, der im Herbst vom 4-1-4-1 abließ und anstelle zweier offensiver Mittelfeldspieler fortan zwei defensive aufbot. Für Domowtschiski fand sich dadurch kein Platz mehr im Team. „Das ist hart für ihn“, sagte Babbel.

Man kann darüber streiten, wen es härter getroffen hat: den Bulgaren oder doch Rob Friend, mit dessen Verpflichtung sich bei Hertha viele Hoffnungen verbanden. Immerhin hat sich der klamme Klub den Kauf des Kanadiers einiges kosten lassen – inklusive der Nachzahlung bei Vollzug des Aufstiegs 2,5 Millionen Euro. Friend war die zentrale Figur in Babbels Planungen, doch dieser Rolle konnte er nur zu Saisonbeginn halbwegs gerecht werden. In seinen ersten sechs Einsätzen erzielte der Stoßstürmer vier Tore, doch schon da war zu sehen, dass Friend mit der Wirklichkeit fremdelte. Im Herbst verlor er dann schleichend seinen Stammplatz an den aufstrebenden Lasogga, und seit dem Derby gegen Union stand er nicht mehr in Herthas Startelf. „Es ist immer bitter, wenn ein junger Spieler einem den Rang abläuft“, sagt Trainer Babbel.

Während Lasogga frei aufspielte und seinem Trainer nicht den geringsten Anlass gab, ihn wieder aus der Mannschaft zu nehmen, war Friend immer mehr in einem Teufelskreis gefangen: Weil er nicht spielte, hatte er kein Selbstvertrauen; weil er kein Selbstvertrauen hatte, traf er das Tor nicht mehr; und weil er das Tor nicht traf, spielte er nicht mehr. Ab und zu bekam Friend noch ein paar Minuten Einsatzzeit, aber meistens hatte man danach nicht das Gefühl, als wäre er wirklich dabei gewesen. „Eine Zeit lang hat er sich selbst im Weg gestanden, weil er zu viel wollte“, sagt Babbel.

Vielleicht ist das heute in Aue wieder so, aber das glaubt sein Trainer nicht. Ruhiger, lockerer sei Friend geworden, sagt Babbel. Als echter Teamplayer habe sich der Kanadier erwiesen, und im Training habe er so viel Druck auf Lasogga ausgeübt, dass der sich nie habe zurücklehnen können. „Ich lasse mich nicht hängen“, sagt Friend. „Ich versuche, mich im Training anzubieten und alles zu geben.“

Unter Herthas Fans wird darüber spekuliert, dass Friend, dessen Vertrag noch bis 2013 läuft, in diesem Sommer wieder verkauft werde. Indizien gibt es dafür ebenso wenig wie ernsthafte Interessenten. Und anders als vor einem Jahr, als Friend seinen Wert bei Borussia Mönchengladbach nicht mehr ausreichend gewürdigt sah und seinen Wechsel offensiv betrieben hat, macht er diesmal keine Anstalten, Hertha zu verlassen. „Es war keine schöne Saison für mich“, sagt er, „aber ich will nicht gehen, ohne gezeigt zu haben, was ich kann.“

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