Herthas Waldbühnen-Auftritt : Mick Jagger in Pichelsberg

Wie 11-Freunde- und Tagesspiegel-Autor Lucas Vogelsang einen Samstagnachmittag mit Hertha in der Waldbühne erlebte.

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Waldbühne Hertha BSC Berlin gegen Stuttgart
Versprengte Werder-Bremen-Fans? Nein, die Polizei sichert die Waldbühne.Foto: dpa

In die S-Bahn zum Olympiastadion steigen kaum Menschen in Blauweiß. Weil sie nicht weit genug fährt. Denn Hertha spielt heute in der Waldbühne. Heimpiel auf Leinwand, Abstiegsdrama als Open-Air Konzert und das zur langen Nacht der Opern und Theater. Sowas gibt es auch nur in Berlin. Also rein in die S-Bahn nach Pichelsberg. Im Zug wirkt alles ziemlich normal. Menschliche Schals trinken warmes Schultheiss und haben  ihre Abstiegskampfgesichter aufgesetzt. Hoffen und Bangen auch bei Bernd und seiner Frau, die “schon immer” zu Hertha gehen. Aber Hertha in der Waldbühne das haben sie auch noch nicht erlebt. Is' mal was anderes, sagen sie.

Und das Wetter spielt auch mit. Und sowieso, die Waldbühne, da werden doch gleich Erinnerungen wach.1965 waren Bernd und seine Frau in der Waldbühne als die Rolling Stones gespielt haben. “Das war wie Sodom und Gomorrha”, sagt Bernd. Die Zuschauer haben ja am Ende die Sitzbänke rausgerissen und die S-Bahnzüge zerlegt. Damals glich die Waldbühne hinterher einem Trümmerfeld. Und an einem Fahnenmast hing ein Damenslip, kann man sich das vorstellen? Kann man eher nicht. Also das mit dem Slip. Aber, sagt Bernds Frau jetzt, während hinter den Fenstern das Olympiastadion vorbei zieht. Damals ist das alles nur passiert wegen der Polizei. Die hat die Stimmung vergiftet.

Womit das Gespräch auch schon wieder in der Gegenwart angekommen ist. Platzsperre, Stadionverbot, Geldstrafe. Viel zu hart alles, und dass die ganze Ostkurve bestraft wurde, findet Bernds Frau dann auch nicht so ganz in Ordnung. Aber dafür gibt es eben heute Fußball in der Waldbühne, sagt Bernd noch, bevor die- S-Bahn in Pichelsberg hält und den harten Kern der Ostkurve auf den Bahnsteig spuckt. Auch schön.  Ha, Ho, He! Hoffentlich hält das Wetter.

An der Treppe versucht ein Verirrter mit Axel-Kruse-Trikot noch eine Karte fürs Olympiastadion los zu werden, für das echte Stadion. Ein Glatzkopf mit Bomberjacke lehnt da lieber dankend ab: “Da darf ick heute nich rinn. Außerdem jeh'n wa heute inne Waldbühne, so viel Kultur muss ja wohl noch sein.” Lange Nacht der Theater hat er aber später nicht so'n Bock drauf.

Am Eingang haben sich schon die gleichen Schlangen gebildet wie sonst vor den Kassenhäuschen für Karteninhaber am Olympiastadion, die gleichen Ordner in den orangefarbenen Leibchen stehen davor, suchen nach Glas potenziellen Wurfgeschossen. Das alles wirkt wie Stadion ohne Stadion und deshalb doch eher wie Freiluftkonzert. Der Blick aufs Ticket sagt aber: Hertha BSC gegen den VfB Stuttgart. Und das VBB-Entgelt ist auch schon bezahlt. Geht doch. Immerhin nicht Open Air mit Boney M und den Puhdys. Dann doch lieber Abstiegskampf oder Mick Jagger im Stechschritt.

Hinter den Absperrungen schlagen einem dann aber doch Konzertbässe ins Gesicht. Peter Fox dröhnt aus den Boxen, auch so ein rollender Stein. Es gibt Bratwurst, Bier und T-Shirts. Zehn Minuten noch, dann tritt Hertha auf. Die Waldbühne ist gut gefüllt, ausverkauft ist sie nicht. Die Ostkurve hat sich ganz unten versammelt, so nah wie möglich an der Leinwand, über die jetzt das Sky-Bild flimmert. Der Stadionsprecher des Radiosenders rs2 ist auch schon da. Viel schief gehen kann da eigentlich nicht mehr. Nur der Rasen vor der Bühne ist in einem jämmerlichen Zustand, was Kalle Rummenigge wohl dazu sagen würde? So ein Punktabzug käme Hertha jetzt, sagen wir, eher ungelegen. Dann die Mannschaftsaufstellungen. VfB Stuttgart: Na und! Hertha BSC: Fußballgott. Super. Die Mannschaften laufen ein. Also ins Stadion. In der Waldbühne brandet trotzdem Jubel auf, wenn man die Spieler schon nicht feiern kann, feiert man wenigstens sich selbst. Die Kurve steht. Alles wie im Stadion, nur ohne Stadion eben. Frank Zander singt, die Schals wogen im Wind. Hier will niemand nach Hause. Etwa zwanzig Minuten singen die Hertha Fans gegen die Leinwand. Schalalalala. Dann verflacht das Spiel und in der Waldbühne wird es hörspielkinostill. Hertha schießt einfach kein Tor. Und 45 Minuten eine Leinwand anzufeuern, das schafft selbst der härteste Ultra nicht. Eine Leinwand anzufeuern, das wird deutlich, ist aber auch so etwas wie die Masturbation des Fanseins. Es macht eine Weile lang Spaß, aber am Ende fehlt doch was.

0:0 zur Halbzeit. Der Stadionsprecher ruft zum T-Shirt-Kauf auf. Die BZ macht bestimmt irgendwo einen Bratwurst-Test. Und zwei Altkiffer sind der Meinung, dass jetzt doch die Stones spielen sollten. Sympathy for the Devil. Als eine Art musikalischen Kommentar zur Beziehung zwischen Hertha und den Schiedsrichtern. Der Humor hängt am Galgen. Aber statt wulstiger Lippen und  wummernder Akkorde alternder Helden gibt es nur die Halbzeitergebnisse. Hannover führt gegen Schalke. Tausend Hände raufen Haare. Nicht weit von den Altkiffern schreckt ein  Zweizentnermann mit Sonnenbrille aus seiner Alkohol-Siesta. Er trägt ein hellblaues T-Shirt. Nicht aufgeben, sagt das T-Shirt. Ich kann nicht mehr, murmelt er, das ist einfach nicht mein Tag, dann sackt er wieder in sich zusammen. Aufholjäger sehen anders aus.

Und Herthas Tag ist es auch nicht. Die Waldbühne singt nicht mehr. Nur beim Zwischenstand aus Bremen stürmt der Beifall. Florian Kringe wird stehend empfangen und fünf Minuten später stehend wieder verabschiedet. Richtig laut wird es erst wieder als Friedhelm Funkel im Olympiastadion sein Talent für den gespielten Witz unter Beweis stellt und  Artur Wichniarek einwechselt. Mittelfinger fliegen in Richtung Leinwand, Pfiffe gellen in den Wald.

Dann trifft Cacau und die Waldbühne erstarrt. Obwohl das Wetter immer noch freiluftbühnengut ist, gehen die ersten nach Hause. Das war's, sagen auch die Altkiffer, die aber bis zum Abpfiff bleiben. Als der Schiedsrichter keine achthundert Meter Luftlinie entfernt das Spiel beendet, passiert: Nichts. Kein Sodom und Gomorrha, kein Trümmerfeld. Der Stadionsprecher bedankt sich. War schön hier in der Waldbühne sagt er. Die Fans sehen das, naturgemäß, etwas anders. Fahnen und Köpfe hängen. Ihre Gesichter sind leer. Und die Atmosphäre in der Waldbühne ist jetzt so düster, als hätten die Stones sie schwarz angestrichen.  Am S-Bahnhof Pichelsberg steigen die Fans wieder in die S-Bahn. Sie fährt nach Köpenick. 


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