Sport : Herthas Wechseljahr

Die Berliner können sich selbst nicht richtig erklären, warum es ihnen in dieser Saison an Konstanz mangelt

Stefan Hermanns

Berlin - Wenn es für Hertha BSC einigermaßen normal bis gut läuft, wird die Mannschaft aus den nächsten beiden Spielen vier Punkte holen. Der Berliner Fußball-Bundesligist spielt heute zu Hause gegen den Aufsteiger Alemannia Aachen und in einer Woche auswärts beim Tabellenzweiten Werder Bremen. „Vor Bremen mache ich mir keine Sorgen“, sagt Mittelfeldspieler Gilberto. Wenn es für Hertha einigermaßen normal bis gut läuft, holt die Mannschaft heute gegen Aachen einen Punkt – und gewinnt nächste Woche im Weserstadion. Zumindest sprechen alle Erfahrungswerte dafür.

Im Grunde spielt Herthas Mannschaft in dieser Saison erfolgreicher, als sie selbst sich das vermutlich im Sommer zugetraut hat. Doch was einer allgemeinen Euphorie einstweilen noch entgegensteht, ist der unglaubliche Wankelmut, der die Mannschaft regelmäßig befällt. Kapitän Arne Friedrich musste sich am vergangenen Wochenende vom Fachmagazin „Kicker“ fragen lassen, ob Hertha für ihn auch eine Wundertüte sei. Anlass war das 2:1 der Berliner bei Borussia Dortmund, ihr erster Sieg in Dortmund seit 34 Jahren. Genau das Gleiche hätte man Friedrich auch nach dem 0:2 in Cottbus fragen können. Oder nach dem unbefriedigenden 3:3 zu Hause gegen den VfL Bochum „Wir geben immer noch zu viele Punkte ab“, sagt Trainer Falko Götz. Komischerweise gibt Hertha die Punkte in Spielen ab, in denen man das nicht unbedingt erwarten würde – und umgekehrt. „Bei den Großen tun wir uns leichter“, sagt der Brasilianer Gilberto.

Gegen die drei Mannschaften, die in der Tabelle derzeit auf den Abstiegsplätzen stehen – Bochum, Hamburg und Mainz – hat Hertha nur drei Unentschieden zuwege gebracht, auch gegen die beiden Aufsteiger Bochum und Cottbus haben die Berliner nicht gewonnen, heute spielen sie gegen den dritten. Wie schon vor einer Woche in Dortmund muss Hertha auf Pal Dardai, Yildiray Bastürk und Christian Gimenez verzichten. Alles in allem sind das eigentlich keine guten Voraussetzungen für das Spiel gegen Aachen.

Insgeheim haben Herthas Verantwortliche wohl mit einem solch wechselhaften Saisonverlauf gerechnet, auch deshalb haben sie sich von Beginn an standhaft geweigert, ein offizielles Ziel für diese Spielzeit auszugeben. Dass die Mannschaft über ein erfreuliches Leistungsvermögen verfügt, hat sie mehrmals nachgewiesen; dass sie dieses Vermögen nicht konstant abrufen kann, ebenso. Warum dies so ist, kann niemand schlüssig begründen.

„Ich kann mir das Phänomen auch nicht erklären“, sagt Verteidiger Malik Fathi. „Das ist eine Kopfsache“, sagt Gilberto. Es sind die vielen jungen Spieler, sagt Falko Götz. Denen fehle noch die Erfahrung, „in bestimmten Phasen auch mal das Tempo rauszunehmen“, und Leistungsschwankungen sind in jungen Jahren ohnehin normal. Herthas Trainer verweist darauf, dass stets drei, vier 19- und 20-Jährige in der Mannschaft stehen, „die sind auch in zwei Wochen noch 19 und 20“.

Alles auf die Jugend und deren mangelnde Erfahrung zu schieben liegt zwar nahe – trifft die Sache aber nicht. Bei der Niederlage in Cottbus stand eine wesentlich erfahrenere Mannschaft auf dem Platz als bei den Siegen gegen Nürnberg und in Dortmund. Gegen Nürnberg durfte der 19 Jahre alte Ashkan Dejagah zum ersten Mal überhaupt von Anfang an in der Bundesliga spielen und das gleich auf der Position des Spielmachers; in Dortmund stand neben Dejagah auch der gleichaltrige Chinedu Ede zum ersten Mal in der Startelf. Jugendliche Unbekümmertheit, das hat sich im Westfalenstadion gezeigt, kann auch ein Vorteil sein.

In Dortmund hat niemand etwas von Herthas junger Mannschaft erwartet, heute, im Heimspiel gegen Aachen, wird das anders sein. „Zu Hause gegen die schwachen Gegner gibt es vielleicht eine Blockade“, sagt Malik Fathi. „Wir müssen mit einer Einstellung wie bei einem Auswärtsspiel ins Spiel gehen.“ Das zeigt Herthas ganze Ratlosigkeit. Vor einer Woche, bevor sie zum ersten Mal in dieser Saison in einem fremden Stadion gewinnen konnten, haben die Berliner immer gesagt, sie müssten auswärts endlich einmal mit der gleichen Einstellung ins Spiel gehen wie zu Hause.

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