• Herthas Zugang Beinlich: Ein Schnäppchen namens Paule - Er soll in Berlin zur Führungsperson werden

Sport : Herthas Zugang Beinlich: Ein Schnäppchen namens Paule - Er soll in Berlin zur Führungsperson werden

Klaus Rocca

Morgens um sieben war für Stefan Beinlich die Welt schon nicht mehr in Ordnung. Als der Wecker klingelte, goss es in Kaprun in Strömen. Doch Jürgen Röber kannte kein Pardon. Jogging war im Trainingslager von Hertha BSC angesagt. "Zu Hause wecken mich meine Zwillingstöchter erst um acht", meinte Stefan Beinlich. Doch wer murrt schon, wenn er erst eine Woche beim neuen Arbeitgeber ist. Schon gar nicht, wenn er konditionell so gut drauf ist und laut seinem Trainer ausgezeichnete Laktatwerte hat.

Dabei hätte Beinlich eigentlich schon mit 14 Jahren seine Fußballerlaufbahn beenden müssen, noch ehe sie recht begonnen hatte. Da riet ihm ein Arzt beim BFC Dynamo, er solle wegen seiner Herzrhythmusstörungen mit dem Sport lieber aufhören. Zum Glück schlug Beinlich diese Warnung in den Wind. Noch heute werden die Rhythmusstörungen beim EKG festgestellt, "doch bei Belastungen sind sie wieder weg", sagt Beinlich. Warum solle er sich da Sorgen machen, meint "Paule".

Der Spitzname ist ein Relikt aus alten Dynamo-Zeiten. Da es in der Mannschaft so viele Stefans und Stephans gab, nannte ihn der Trainer kurzerhand Paule. Der zukünftige Bundestrainer Christoph Daum, sein Trainer in Leverkusen, nannte ihn nicht so, "weil er den Namen Stefan so gut findet". Er fand auch Beinlich gut. Der wurde nach der Lehrzeit bei Aston Villa und der Gesellenzeit in Rostock bei Bayer ein Leistungsträger. "Besonders gut wurde ich, als ich früh wusste, dass ich zu Hertha wechsle", sagt Stefan Beinlich. Ablösefrei. Ein Schnäppchen.

Für Jürgen Röber könnte er eine Führungsperson werden. Was das heißt, diese Rolle innezuhaben, erlebt Beinlich derzeit in Österreich. Mit Mannschaftskapitän Michael Preetz bewohnt er ein Zimmer. Für Röber könnte Beinlich auch deshalb ein ganz Großer werden, "weil er wie Mario Basler eine hervorragende Schlagtechnik hat". Die soll sich bei Freistößen und Eckbällen auszahlen. In der letzten Saison erzielte der 28-Jährige als offensiver Mittelfeldspieler immerhin elf Treffer und gab neun Torvorlagen. Da vermutete Dariusz Wosz, wie Beinlich ein Linksfüßer, übermächtige Konkurrenz. Den von Wosz geäußerten Unwillen habe er nur aus der Presse erfahren, sagt Beinlich. Ein gespanntes Verhältnis zu ihm spüre er nicht. Und blickt dabei so treuherzig drein, dass man es ihm abnimmt.

Nicht abnehmen wollte Beinlich dem Erich Ribbeck, dass der ihn nicht zur Europameisterschaft mitnahm. Was sich im Nachhinein für ihn als vorteilhaft erwies, doch Beinlich wurmt es noch immer: "Ich werde Erich Ribbeck noch einmal anrufen und ihn um eine Erklärung bitten." Er sollte mehr in die Zukunft blicken. Die Leverkusener Rudi Völler und dann Christoph Daum bei der Nationalmannschaft am Schalthebel - das sind beste Voraussetzungen für ein Comeback. Beinlich sieht das anders. "Der Sohn eines Trainers hat es doch auch schwerer." Gewiss, aber ein klein wenig hinkt der Vergleich schon. Die Leistung muss eben stimmen. Und derzeit sei er, sagt Beinlich, erst bei 60 Prozent seines Leistungsvermögens.

Er hat ja noch Zeit bis zum 12. August, auch zum Eingewöhnen in Berlin. Die große Stadt, der er neun Jahre den Rücken kehrte und die sich völlig verändert habe, das enorme Fanpotenzial, die riesige Medienlandschaft - all das stürzt derzeit auf ihn ein. Doch er habe ja in Berlin noch immer seine Eltern und engsten Freunde. Und zum Abschalten hat er auch die Gelegenheit. Draußen in Kladow, in der fast ländlichen Idylle, wo er mit Frau und Töchtern ein Haus bewohnt.

Gestern früh, gleich nach dem Joggen, schien beim Training auf dem malerisch am Kitzsteinhorn gelegenen Platz des WKS Kaprun übrigens schon wieder die Sonne. Auch für Stefan Beinlich. Beim Spielchen schoss er das erste Tor und gab die Vorlage zum zweiten. Nutznießer war - Dariusz Wosz. Vielleicht finden sich da doch noch zwei.

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