Herthas Zwischenbilanz : Was haften bleibt

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man den Dauerknatsch zwischen Pantelic und Favre für ein PR-Theater halten. Doch Hertha droht nach zwei Niederlagen und einem Führungsstreit die gute Arbeit der Hinrunde zu verspielen.

Stefan Hermanns[Gelsenkirchen]
Hertha
Herthas Gojko Kacar (r.), links Josip Simunic und Marko Pantelic, dazwischen Schalkes Gerald Asamoah. -Foto: ddp

Es ist doch irgendwie beruhigend, dass Hertha BSC sich treu bleibt, in guten wie in schlechten Zeiten. Ein Thema zieht sich beständig durch die gesamte Spielzeit, und Woche für Woche gibt es eine neue Wendung. Das Thema heißt Marko Pantelic. Nach der 0:1-Niederlage gegen Galatasaray erregte seine frühe Auswechslung das Publikum, nach der 0:1-Niederlage gegen Schalke seine späte Einwechslung. Der Serbe, der noch am Tag vor dem Spiel über Oberschenkelprobleme geklagt hatte, berichtete später in nüchternem Ton, dass er für alles bereit gewesen sei, aber: „Der Trainer ist der Chef, er trifft die Entscheidungen.“ Ob er die Entscheidung denn verstehe, wurde Pantelic gefragt. „Verstehst Du Deinen Chef immer?“

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man den Dauerknatsch zwischen Pantelic und seinem Trainer Lucien Favre für eine riesige Inszenierung halten, für ein perfektes PR-Theater, das den Berlinern einen Platz in den großen Medien sichert. In Gelsenkirchen haben sie es versäumt, ein anderes Thema zu setzen: ein sportliches. Mit einem Sieg, dem fünften in der Fußball-Bundesliga hintereinander, hätte Hertha die erfreuliche Entwicklung weiter verstetigt, doch bevor die Nation den Aufschwung richtig registriert, ist er jetzt erst einmal ins Stocken geraten. „Das Glück der letzten zwei Monate ist ein bisschen an sein Ende gekommen“, sagte Pantelic. Das ist ärgerlich, weil der Berliner Klub immer ein bisschen mehr tun muss, um die Aufmerksamkeitsschwelle zu überschreiten – und weil er die seltene Gabe besitzt, immer im falschen Moment zu scheitern.

„Auf Schalke kann man verlieren“, sagte Kapitän Arne Friedrich. „Aber dass Schalke mit dem Rücken zur Wand stand, war eigentlich eine Chance für uns.“ Hertha ließ die Chance sträflich ungenutzt. Anstatt dem Gegner permanent zuzusetzen, ihn zu sticheln und damit das latent kritische Publikum zu offenem Aufruhr aufzuwiegeln, gefielen sich die Berliner in Passivität. Mit dieser reaktionären Haltung sind sie in den vergangenen Wochen ganz gut gefahren, in Gelsenkirchen aber kam sie am Samstag an ihre Grenze.

Die Frage, wie gut Hertha wirklich ist und wo die Mannschaft steht, lässt sich damit immer noch nicht abschließend beantworten. „Auf Platz vier“, sagte Arne Friedrich. „Aber wir sind keine Spitzenmannschaft. Wir sind weiterhin dabei, uns zu entwickeln.“ Das Spiel gegen Schalke hat gezeigt, dass bei Hertha alles stimmen muss, damit die Mannschaft das Niveau erreicht, dass nach dem Dreijahresplan von Manager Dieter Hoeneß eigentlich erst für die kommende Saison vorgesehen war. Am Samstag war sie dazu nicht in der Lage.

Wer von der Meisterschaft geträumt hat, wird das als höchst ärgerlich empfinden. Wer sich einen gewissen Realismus bewahrt hat, musste mit einem solchen Rückschlag rechnen. „Ich als Trainer war nie euphorisch“, sagte Favre. Im 27. Pflichtspiel der Saison machte sich zum ersten Mal der Substanzverlust bemerkbar. Zudem wurde deutlich, dass es im Kader an Alternativen fehlt. Weil der rechte Außenverteidiger Sofian Chahed ausfiel, musste Favre seine starke Innenverteidigung auflösen und Friedrich auf Chaheds Posten verschieben.

Immerhin ist Hertha diesmal auf hohem Niveau gescheitert. Gewinnt die Mannschaft am Samstag gegen Karlsruhe, hat sie bei der Punktzahl einen neuen Vereinsrekord aufgestellt, aber selbst bei einer Niederlage beendet Hertha die Hinrunde in jedem Fall auf einem Europapokalplatz – das ist mehr, als der Mannschaft vor der Saison zugetraut wurde und insofern ein echter Erfolg. Aber im Moment gibt sich der Verein alle Mühe, den guten Eindruck zu verschleiern: sportlich mit zwei Niederlagen innerhalb von vier Tagen und abseits des Feldes durch den abstrusen Führungsstreit zwischen Manager Dieter Hoeneß und Präsident Werner Gegenbauer.

„Die Niederlage hat damit überhaupt nichts zu tun“, sagte Arne Friedrich. „Das hat uns nicht belastet.“ Aber die über die Öffentlichkeit geführte Diskussion passt ein bisschen ins Bild: Sie passt einfach nicht. Der Verein ist in eine Situation geraten, in der er bis zum Ende des Jahres vieles von dem verspielen kann, was er sich über die komplette Hinrunde mit harter Arbeit aufgebaut hat. Der letzte Eindruck bleibt.

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