HEUTE im EM-Quartier : Finale furioso in Treptow

Lucas Vogelsang

Finale. Aus. Vorhang zu. Mit dem Endspiel in Wien enden auch drei Wochen 11-Freunde-EM-Quartier. Und frei nach Heribert Faßbender gilt es, an dieser Stelle ein Fazit zu ziehen:

Jubel
gegen die Polen, Katerstimmung nach dem Kroatien-Spiel, fast schon wütendes Schulterzucken nach dem 1:0 gegen Österreich. Doch dann schwarz-rot-goldener Freudentaumel gegen Portugal und dazwischen schwappten immer wieder türkische Anhänger aus Kreuzberg in Scharen über die Grenze nach Treptow und verwandelten den Fuhrpark mit nie endenen Gesängen in einen rot-weißen Hexenkessel. Im Quartier spiegelten sich drei Wochen lang die Emotionen und Befindlichkeiten der deutschen Fußballnation. 30 000 Menschen feierten und zitterten, tanzten und sangen an 19 Spieltagen. Auf den Fanmeilen in Klagenfurt und Wien schlachtenbummelten selten mehr Leute als im Fuhrpark der Arena in Treptow. Hier roch es nach Steak, Bier und Anspannung, die Luft summte. Hunderte Menschen saßen und standen, wo sie gerade Platz fanden und erzeugten eine ausgelassene Kirmesstimmung. Das EM-Quartier war aber auch Fußballgucken wie Neckermann-Ferien – da war für jeden was dabei: Stadionatmosphäre auf der großen Indoor-Tribüne, Fanmeilen-Pogo im Außenbereich und intime Wohnzimmergemütlichkeit im Kinosessel vor einem der Flatscreens. Und der ein oder andere hat danach eine Postkarte nach Wien geschickt: „Hi Leute, war heute in Treptow Fußball gucken. So fühlt sich EM an.

Für den Glamourfaktor sorgte zudem eine Weltauswahl prominenter Fußballfans aus Kultur, Pop und Politik, die sich mit einem entspannten Lächeln in den Liegestühlen des Fuhrparks lümmelten. Die Raporter von Blumentopf kamen und wären gern geblieben, genauso wie MTV-Hooligan Markus Kavka oder Autor Jan Weiler. Und dann lief auch noch Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Türkei-Spiel ein. Eine fünfzig Mann starke Posse im Schlepptau.

Die Ohrbooten jammten spontan auf der Spielwiese, dann sangen wieder die Türken und am Ende tanzten die Deutschen. Fußballgucken wie Riesenradfahren. Heute zum letzten Mal. Das 11-Freunde-EM-Quartier erwartet ein furioses Finale. Einlass ist ab 19 Uhr. Wer zu spät kommt, der muss sich das Spiel im Radio anhören – kommentiert von Béla Réthy. Lucas Vogelsang

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