HEUTE im EM-Quartier : „Österreich fehlt alles“

Dieter Schatzschneider

ist Fußballgott a. D. in Hamburg, Hannover und auf Schalke. In den 70er und 80er Jahren erzielte er in 296 Erst- und Zweitligaspielen 182 Tore. Aufgewachsen in den Straßen von Vahrenheide, im Norden von Hannover, stach er sich mit 13 Jahren seine erste Tätowierung selbst. Sein Vater hielt ihm derweil einen Platz am Fabrikfließband frei. Doch Schatzschneider wurde Fußballer und ist zurzeit unter anderem als Expertengott für 11-Freunde tätig. Heute Abend ist er zu Gast im 11-Freunde-EM-Quartier im Fuhrpark beim Spiel Deutschland gegen Österreich. Einlass zum Gottesdienst ist um 18 Uhr.

Herr Schatzschneider, die EM ist nun zehn Tage alt. Bei welchem Spieler würden Sie sagen: Das ist einer vom „Typ Schatzschneider“?

Sie meinen einen, der nur vorne drin steht, der 90 Minuten nicht zu sehen ist und dann auf einmal das Tor macht?

Genau.

Ich könnte Klose und Gomez nennen (lacht). Die sah man bisher nicht, getroffen haben sie aber auch noch nicht. Eigentlich gibt es diesen Stürmer-Typ auch gar nicht mehr.

Luca Toni?

Auch der nicht. Zumal der ja zwei Klassen besser aussieht als ich. Und auch eleganter spielt.

Sie waren dieser klassische Sturmtank. Hätten Sie zu Ihrer aktiven Zeit auch gerne so elegant wie Toni oder Villa gespielt?

Nein. Und ich glaube auch: Es ist wichtig, mindestens einen Spieler auf dem Platz zu haben, der keine Eleganz hat. Hatte Horst Hrubesch Eleganz? Nein. Aber der hat Tore ohne Ende gemacht und die anderen mitgerissen wie sonst niemand.

Nervt Sie diese ewige Schönspielerei der neueren Spielergeneration?

Ich sage immer: Bevor Kuranyi köpft, guckt der zuerst, ob sein Haarband richtig sitzt. Bei Schweinsteiger ist es ähnlich. Obwohl ich von dem, rein fußballerisch, sehr viel halte. Was mich aber nervt, ist, dass es keine Typen mehr gibt, die andere mitreißen.

Was ist mit Frings oder Ballack?

Ballack ist ein Leader, das stimmt. Und zumeist führt er das Team auch gut. Doch je mehr er quatscht, desto schneller verliert er seine Linie.

Welche Mannschaft hat sie bisher am meisten begeistert?

Portugal, ganz klar. Da kann ich auch mit so einem Typen wie Cristiano Ronaldo leben – denn der stellt sich nicht nur dar, der spielt auch fantastisch.

Zeichnen sich große Mannschaften durch solche Spieler aus?

Ja. Dieses ewige Gesabbel über Trainingsspielchen, Gummibandübungen – ich kann es nicht mehr hören. Das ist doch Hühnerkacke. Gegen eine Mannschaft wie die Niederlande oder Portugal wird den Deutschen zumindest kein Gummiband der Welt helfen. Da hilft nur: Kämpfen bis zum Umfallen.

Werden die Deutschen heute gegen Österreich mit der richtigen Einstellung kämpfen?

Davon bin ich überzeugt. Jogi Löw wird die Mannschaft durchrütteln. So dass von Anfang an jeder weiß: Es kann nur einen Sieger geben.

Stichwort Cordoba: Graut es Ihnen vor den nächsten 30 Jahren, wenn Deutschland heute tatsächlich ausscheidet?

Deutschland wird nicht ausscheiden. Österreich hat zwar viele Chancen, aber niemanden, der die Dinger verwertet, das ist alles nur Glück und Zufall

Den Österreichern fehlt also ein Dieter Schatzschneider im Sturm?

Den Österreichern fehlt alles.

Das Gespräch führte Andreas Bock.

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