HEUTE im EM-Quartier : Was lief nur schief?

Einige hatten kurz zuvor noch im anliegenden Badeschiff geplanscht, andere zogen bereits seit Stunden durch Kreuzberg. Um kurz vor Sechs haben sie es aber alle eilig und schälen sich durch die Eingänge zum Fuhrpark an der Arena - mit Deutschland-Flaggen und Ballack-Trikots, mit all ihren Hoffnungen auf ein großes Spiel und noch größeres Turnier. Auch Mehmet, der hier vorgestern noch im Türkei-Dress auf dem Rasen lag und den Halbmond auf der Brust küsste, als Arda in der 93. Minute zum 2:1 gegen die Schweiz traf. „Ich fiebere mit beiden Teams“, sagt er und grinst. „Im Finale vielleicht ein bisschen mehr für die Türken.“

Während des Spiels Deutschland gegen Kroatien steht er neben den Ballacks und Poldis im Fanpulk, und er schreit und flucht, als Jansen gegen Srna das Nachsehen hat und die Kroaten 1:0 in Führung gehen. Dann ist Halbzeit, erstmal ein Bier, eine Brezel und mit den Kumpels darüber fachsimpeln, ob Friedrich vielleicht die bessere Alternative für die zweite Halbzeit sei. Nach 90 Minuten ist die Ernüchterung groß, die Stimmung im und um den Fuhrpark trotzdem noch gut. Und als Mehmet Richtung Treptower Park schlendert, fragt er trotzig:„Was lief nur schief?“ Die Frage verhallt.

Heute will Mehmet wiederkommen, zum Spiel Niederlande gegen Frankreich. Doch vor allem weil Werner Grassmann zu Gast ist. 1970 produzierte Grassmann mit dem Autorenfilmer Hellmuth Costard den Film „Fußball wie noch nie“ (ab sofort auch in der 11-Freunde-DVD-Kollektion erhältlich), eine Huldigung an George Best, der vielen immer noch als bester Fußballer der späten 60er Jahre gilt. Zunächst erstaunt dies, denn mit Nordirland konnte sich Best nie auf der Fußballbühne der Europa- und Weltmeisterschaften präsentieren. Doch 1968 holte Best mit Manchester United den Landesmeisterpokal und wurde „Europas Fußballer des Jahres“. Auch Pelé sagte damals: „Best is the best!“ George Best war aber nicht nur der Beste, er war vor allem: Nihilist. Einer, der es liebte anzuecken: „Wenn ich hässlich wäre, dann wäre ich heute berühmter als Pelé.“ Lange vor Beckham war er der erste Popstar im Fußballzirkus, aufgrund seiner stilsicheren Bob-Frisur nannten ihn manche gar den „fünften Beatle“. Und Best lebte tatsächlich das unstete Leben eines Popstars: „Die Hälfte meines Geldes ist für Alkohol, Frauen und Autos draufgegangen, den Rest habe ich einfach verprasst.“ Ein Satz, der, so komisch er auch klingt, die ganze Tragik seines Lebens fasst. Ein Hotelpage soll ihn mal gefragt haben: „Wann ist das alles nur schiefgelaufen, Georgie?“ Andreas Bock

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