Sport : Heute mal Fußballfans

Estland ist keine klassische Sportnation, Fußball war lange Randsportart. Jetzt sorgt die Nationalmannschaft vor den Play-offs gegen Irland für Begeisterung

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Am Freitag ist Schluss mit gemütlich. Um die 2000 Iren werden in Tallinn erwartet, wenn ihr Team im Hinspiel der Play-offs zur Europameisterschaft 2012 auf Estland trifft. Die estnische Polizei hat vorsorglich noch einmal darauf aufmerksam gemacht, dass zu stark alkoholisierte Personen nicht hinein dürfen ins Stadion von Tallinn, es ist übrigens nach einem estnischen Bierbrauer benannt.

Viele der als trinkfreudig bekannten Iren werden daher wohl eine Bar in Tallinns Zentrum aufsuchen, um das Spiel auch sehen zu können. Sicher ist sicher. Dort werden sie dann auf zahlreiche estnische Fans treffen, die keine Karten mehr für das Spiel bekommen haben. Das Stadion fasst nur 9692 Plätze. Als am 13. Oktober der Vorverkauf für das Spiel begann, standen aber 30 000 Fans Schlange. Innerhalb von 15 Minuten waren alle Karten vergriffen. Noch zwei erfolgreiche Spiele und Estland wäre erstmalig dabei, wenn sich die besten Mannschaften Europas im kommenden Sommer in Polen und der Ukraine messen.

Estland ist der größte Außenseiter unter jenen acht Nationen, die in den nächsten Tagen um die letzten vier EM-Plätze kämpfen. Schon allein die Teilnahme an den Ausscheidungsspielen neben Fußballnationen wie Portugal, Tschechien, Kroatien, Türkei, Irland oder den Balkanländern Bosnien-Herzegowina und Montenegro gilt als Sensation. „Dass wir trotz Gruppengegnern wie Italien, Serbien und Slowenien immer noch dabei sind, ist eine Überraschung. Schließlich waren die alle bei der Weltmeisterschaft in Südafrika“, sagt Lennart Komp vom estnischen Fußballverband. „Vielleicht freuen sich auch deshalb so viele Menschen und wollen unser Spiel gegen Irland sehen.“

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Estlands Sportfans schon lange keinen Grund mehr zum feiern hatten. „Eigentlich sind wir keine klassische Sportnation. Wenn mal eine estnische Mannschaft oder einer unserer Sportler erfolgreich ist, freuen wir uns mit. Dann sind wir mal Tennis-, Wintersport-, oder jetzt eben Fußballfans“, sagt Aino Siebert, die als Deutschland-Korrespondentin für die „Baltische Rundschau“ arbeitet.

Populärster Sport war in Estland lange Zeit Basketball. Bei der Europameisterschaft 1993 in Deutschland wurde die Nationalmannschaft Sechster, ehe der sportliche Niedergang begann. Querelen im Verband und die Vernachlässigung der Nachwuchsarbeit führten dazu, dass sich die Esten nur noch für die EM 2001 qualifizieren konnten. „Auch wenn es sich bitter anhört, aber der Niedergang des Basketballs war unser Plus“, sagt Komp. „Inzwischen interessieren sich viel mehr Esten für Fußball als noch vor zehn Jahren.“ Ebenfalls sehr beliebt ist Indiaca, ein Rückschlagspiel, das mit einer Art Federball auf einem Volleyball-ähnlichen Feld gespielt wird.

Am Freitag werden die Federbälle allerdings ruhen und die Fußballer von Trainer Tarmo Rüütli in den Mittelpunkt rücken. Rüütli ist 57 Jahre alt und bedient das ein oder andere gängige Klischee. Er redet wenig und selten, besitzt aber einen durchaus feinen Sinn für Humor. Dazu liebt er Ruhe und Natur. „Der Trainer hat mit seiner Art eine richtige Wohlfühlathmosphäre geschaffen“, sagt Komp. „Die Spieler kommen inzwischen sehr gern zur Nationalmannschaft.“ Einige von ihnen nehmen sogar mehr oder weniger lange Anfahrtswege dafür in Kauf; sie spielen bei Klubs in Russland, Ungarn, Norwegen oder den Niederlanden. Viele Spieler wie Mittelfeldspieler Konstantin Vassiljev, mit fünf Toren bester Schütze in der Qualifikation, haben russische Wurzeln, mit ungefähr 25 Prozent stellen die russischstämmigen Esten ein Viertel der Bevölkerung.

Sie werden sich morgen genau wie die meisten der gut 391 000 Tallinner auf den Weg in die Kneipen der Innenstadt machen, um das Spiel zu verfolgen und je nach Ausgang zu feiern, gerne auch mit Bier. Ehe es dann ab Sonnabend wieder gemütlicher zugeht in Tallinn.

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