Sport : Heute wird in Paris über den "Zentimeter des Jahres" geurteilt

Hartmut Moheit

Schwarz, weiß - oder grau? Der "Zentimeter des Jahres" zwingt heute fünf unabhängige Richter in einem Sitzungssaal an der Place de la Concorde in Paris dazu, Farbe zu bekennen. Nach dem Windabweiser-Skandal um Ferrari beim Großen Preis von Malaysia wird das Berufungsgericht des Internationalen Automobilverbandes (Fia) zwischen drei Varianten zu entscheiden haben: Beibehaltung der Disqualifikation, Bestätigung des Ergebnisses von Sepang oder irgendein Mittelweg.

Diese Frage beschäftigt seit dem vorletzten Lauf zur Formel-1-Weltmeisterschaft im malaysischen Sepang weltweit Millionen, die damit zugleich Glaubwürdigkeit verbinden. Während die einen betonen, dass die nur minimale Regelabweichung am Ferrari niemals eine Disqualifikation von Michael Schumacher gerechtfertigt hätte, und andere andere meinen, dass ein Regelwerk nun einmal strikt einzuhalten ist, denken nicht wenige auch über einen dritten Weg nach: Ferrari nicht aller Chancen berauben und McLaren-Mercedes die nötige Genugtuung widerfahren lassen - dieser Königsweg wurde seit dem Grand Prix am vergangenen Sonntag vor allem von einflussreicher Seite favorisiert.

Allen voran von Formel-1-Boss und Fia-Vizepräsident Bernie Ecclestone ("Die Disqualifikation ist unsinnig"), der sich in erster Linie um den Saison-Showdown am letzten Oktobertag in Suzuka sorgt. "Es wäre eine Schande, wenn die WM von irgend jemandem entschieden werden kann, der in der Fabrik einen Fehler gemacht hat", schimpfte der kleine, allmächtige Brite, für den die Bestätigung des vorläufigen WM-Titels für den Finnen Mika Häkkinen aus dem Silberpfeil-Team einer Bankrotterklärung für die Formel 1 gleichkäme. Wer weiß, wie bereits in Malaysia entschieden worden wäre, hätte Ecclestone nicht wegen der großen Hitze dort auf die sein geschwächtes Herz zu sehr belastende Reise verzichtet hätte?

So muss er die letztinstanzliche Entscheidung akzeptieren, für die zwei "Grau-Stufen" denkbar wären. Das Rennen in Malaysia könnte komplett annulliert werden, womit für das Finale in Japan der Ein-Punkte-Vorsprung von Häkkinen gegenüber Irvine erhalten bliebe. Eine weitere Variante: Die Ränge eins und zwei von Sepang werden nicht vergeben, Häkkinen als Dritter fährt mit fünf Punkten plus zum Finale. In beiden Fällen wären die Bestrafung für Ferrari und die weiterhin bessere Ausgangsposition für McLaren-Mercedes gewährleistet. Japan bekäme sein großes Rennen und der vermarktungsgerechte Wunsch von Mercedes-Sportchef Norbert Haug, möglichst mit einem Doppelsieg zum Abschluss die Krone zu holen, läge im Bereich des Möglichen. Das Problem einer solchen Entscheidung, die erst am Sonnabend um 11 Uhr im Gebäude des Automobil-Klubs von Frankreich in Paris verkündet werden soll, liegt in der Frage der Glaubwürdigkeit der Fia. Der frühere deutsche Formel-1-Fahrer Jochen Mass bringt es auf den Punkt: "Reglement ist Reglement. Irgendwo muss man Grenzen ziehen." Diese Position nimmt auch "The Guardian" ein: "Jede Andeutung, dass das Urteil so ausfallen soll, damit Japan ein Erfolg an den Kassen wird, ist übel."

Dies hätte aus der Feder des Fia-Präsidenten Max Mosley stammen können, der sich mittlerweile ebenfalls gegen seinen "Vize" Ecclestone gestellt hat. "Die ganze Formel 1 ist dermaßen von technischen Regeln abhängig. Deshalb ist es so wichtig, dass die Autos konform sind. Es mag für manche vielleicht übertrieben aussehen, wenn man zwei Fahrer und Autos wegen einer Kleinigkeit rausschmeißt. Aber wo liegt die Grenze", erklärte er im "Kicker". Die Kernfrage kann demnach nicht sein, ob Ferrari durch die zehn Millimeter bevorteilt war.

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