Sport : Hightech-Sprunggerät: Vom Holzgaul zum Pegases

Eckard Herholz

Josef Stoffel staunte nicht schlecht. "Das ist ein Ding - man müsste eben noch mal 50 Jahre jünger sein", sagte der 73-jährige Luxemburger Josef Stoffel und bestaunte den Pegases. Dahinter verbirgt sich ein futuristisches Hightech-Sprunggerät, das bei den nächsten Turn-Weltmeisterschaften erstmals zum Einsatz kommen wird. Stoffel war von 1948 bis 1964 fünfmaliger Olympiateilnehmer für Luxemburg und erster Vize-Europameister im Pferdsprung der Geschichte (1955 in Paris). Übrigens hinter dem Deutschen Adalbert Dickhut.

Der Pegases-Sprungtisch des holländischen Sportgeräteproduzenten Janssen & Fritsen stand kurz vor Weihnachten nicht nur in den Spots von Europas grösster "GYM-Gala" in Antwerpen, Olympiastadt von 1920, sondern wurde dort von den Weltstars des Kunstturnens vor 10 000 begeisterten Zuschauern des ausverkauften Sportpalastes vorgeführt. Die russischen Olympiasieger Jelena Zamolodschikowa, Alexej Nemow, Swetlana Chorkina und andere katapultierten sich über die neuartige Stützfläche, die im Turnsport einer kleinen innovativen Revolution gleichkommt. Der Weltranglisten-Erste Nemow meint, "dass man wohl zur Umstellung maximal drei Monate braucht, um die Vorzüge des Gerätes voll zu nutzen."

Der Internationale Turnverband FIG hatte nach langjährigen Überlegungen beschlossen, das alte Sprungpferd in den Stall zu stellen und lässt ab 1. Januar 2001 und erstmals zu den Welttitelkämpfen im Oktober in Gent (Belgien) den Sprungtisch zu, der gleichermaßen, da höhenverstellbar, für Männer (1,35 m hoch) und Frauen (1,20 m) gilt. Der Grund für diese Veränderung nach fast 200-jährigem Gebrauch liegt in der Geschichte begründet.

Schon Alexander der Große und seine Makedonier sollen an einem Hozlross das Auf- und Absitzen geübt haben. Im 4. Jahrhundert nach Christus schilderte ein gewisser Vegetius in einem "Abriss des Römischen Heerwesens" das Üben der römischen Soldaten an hölzernen Pferden. Zu Turnvater Jahns Zeiten Anfang des 19. Jahrhunderts kannte man auf der Berliner Hasenheide drei verschiedene Pferde: Ein recht naturnahes mit Kopf und Schwanz, ein lederüberzogenes ohne Schweif und aufstegendem Hals und den hölzernen Schwingel, womit der Fremdworthasser Jahn das "Voltigieren" eingedeutscht hatte. Daraus entwickelte sich das heute bekannte olympische Pauschenpferd, und die als Pauschen bezeichneten Stützbügel sind die ehemaligen Sattelwülste.

Jahrzehntelang kannte man kein eigenes Sprungpferd, vielmehr wurde das Seitpferd einfach längs gestellt, die Pauschen wurden abgeschraubt und Holzstäbe mit einem Knauf in die zwei Löcher gesteckt, um Fingerverletzungen beim Stützen zu vermeiden. Über solch ein Gerät flog auch bereits der erfolgreichste deutsche Olympiateilnehmer 1896 in Athen, der Berliner Carl Schuhmann, zum Olympiasieg ... Und seither stand dieses nie für Sprünge erdachte oder konstruierte Gerät über ein Jahrhundert lang den Turnern als ein gefährlicher, zugespitzter Bolzen in ihrer mehr als 20 Meter langen Anlaufbahn im Wege.

Gefährliche Stürze und Kollisionen kennt die Turngeschichte, und als es 1991 im Vorfeld der Weltmeistershaft in Indianapolis mal wieder zu einer schweren Verletzung des späteren amerikanischen Reck-Olympiasiegers von Barcelona, Trent Dimas, kam, forderte der Internationale Turnverband durch seinen Vize-Präsidenten Rudolf Fischer (Brasilien) zur Konzipierung eines für Männer und Frauen gleichen und geeigneteren Sprunggerätes auf.

Ein Grund war, dass bei den Männern der nur 35 Zentimeter breite Pferderücken für die Anatomie der männlichen Schulter viel zu schmal ist. Da entwarf der österreichische Bildhauer, Künstler und Turntrainer Helmut Hödlmoser aus Wien (der "Hundertwasser des Turnsports") eine hölzerne Modellvorlage, nach der der deutsche Turngeräte-Produzent Spieth (Esslingen) seinen Ergojet kreierte und bereits am Rande der Turn-Weltmeisterschaft 1997 in Lausanne vorstellte.

Bereits seit 1983 hatte der damalige DDR-Cheftrainer Dieter Hofmann in Vorträgen und Artikeln auf die ungeeignete Form und Gefährlichkeit des Männer-Sprungpferdes hingewiesen, die nach Einführung der Rondatsprünge (Radwende vor dem Gerät) noch offensichtlicher wurde. Hofmann hat dann als fachlicher Berater der Firma Janssen & Fritsen die Pegases-Variante mitentwickelt, deren Name in Anlehnung an das geflügelte Pferd der griechischen Mythologie den Sprung ins neue Millennium symbolisieren soll.

Derzeit versuchen mehrere Hersteller, ihre Versionen auf den Markt zu bringen und in einem Freiburger Institut bestätigen zu lassen, wo alle Varianten auf Einhaltung der FIG-Normen überprüft werden. Welcher der neuen Sprungtische sich als WM-Gerät nun tatsächlich durchsetzt, soll im Januar 2001 entschieden werden.

Bis der Markt für dieses Gerät jedoch gesättigt sein wird, darf in einer Übergangszeit auch weiterhin über den alten Gaul gesprungen werden. Ob Ergojet, Pegases oder eine andere Variante: Die Stars fliegen zu ihrem nächsten Welt-Highlight in jedem Falle über ein neues Gerät ins nächste Turn-Jahrtausend.

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