Sport : Hilfe von unten

Hertha BSC wird in dieser Saison wohl noch oft auf Spieler aus der Regionalliga angewiesen sein

Stefan Hermanns[Dortm]

Unmittelbar nach dem Abpfiff hatte Andreas Schmidt die Mühen des Alltags schon wieder hinter sich gelassen. Er trug zwar noch sein verschwitztes Trikot, aber Schmidt war dem kleinlichen Zank der Parteien längst enthoben. Der 33-Jährige tat, was Fußballprofis selten tun: Schmidt übte Nachsicht mit dem Gegner. Die Dortmunder stecken nach der 1:2-Niederlage gegen Hertha BSC in einer kniffligen Situation: Zum fünften Mal hintereinander konnten sie zu Hause nicht gewinnen, das Volk murrt, und das finale Anrennen gegen die Niederlage hatte alle Kritiker des Dortmunder Trainers Bert van Marwijk in ihrer Ansicht bestätigt, dass der Mannschaft ein Plan ebenso fehle wie die nötige Kraft zu dessen Realisierung. Andreas Schmidt aber ergriff Partei für die Verlierer: „Man kann ihnen keinen Vorwurf machen.“

Der fliegende Wechsel zwischen den Rollen bereitete Herthas Mittelfeldspieler keine Probleme. Nach dem Schlusspfiff gab er den objektiven Beobachter, zuvor hatte er sich, sehr subjektiv, allein um seine eigene Mannschaft verdient gemacht. „Es ist eigentlich unglaublich, wie man in dem Alter noch so viel laufen kann“, sagte Herthas Trainer Falko Götz. Andreas Schmidt hatte sich mit großer Lust den Mühen des Alltags hingegeben, vielleicht auch deshalb, weil der eigentliche Alltag für ihn mühevoller ausfällt. Seine Auftritte in der Bundesliga sind nur noch eine Art genehmigte Nebentätigkeit, hauptberuflich spielt Schmidt seit zwei Jahren für Herthas Regionalligamannschaft. Als vor dem Anpfiff in Dortmund Herthas Aufstellung publik wurde, schien sie den Keim der Niederlage in sich zu tragen, weil ein bisschen viel Regionalliga in ihr steckte; in Wirklichkeit begünstigte sie den ersten Sieg der Berliner beim BVB seit 34 Jahren. Schmidt spielte im defensiven Mittelfeld, davor zwei 19-Jährige, Ashkan Dejagah und Chinedu Ede, der erst einmal in der Bundesliga gespielt hatte, dabei jedoch so spät eingewechselt worden war, dass er nicht einmal einen Ballkontakt hatte.

Schmidt und Ede hatten erst eine Woche zuvor mit Hertha in Dortmund gespielt, in der Regionalliga, vor 519 Zuschauern. „Heute waren es ein paar mehr“, sagte Schmidt. Dass die Profis in Dortmund siegten, lag an der Unterstützung aus der Regionalliga. Dejagah trat den Freistoß, den Schmidt zum 1:0 ins Dortmunder Tor köpfte, Ede bereitete fünf Minuten darauf das 2:0 vor, als er an der linken Seite losspurtete und den Ball im richtigen Moment zum Torschützen Gilberto in die Mitte passte.

„Er hat die Aufgabe, die er von mir bekommen hat, sehr gut erfüllt“, sagte Götz über Edes Leistung. Sein Auftrag hatte gelautet, die Dortmunder mit überfallartigen Vorstößen zu überrumpeln, am Ende aber sah sich auch Ede vornehmlich in die Sicherung des eigenen Tores eingebunden. Nach einer knappen Stunde köpfte er den Ball gerade noch vor Alexander Frei zur Ecke; als treffende Schlusspointe allerdings war es Andreas Schmidt vorbehalten, drei Minuten vor Schluss die letzte Chance der Dortmunder zum Ausgleich zu vereiteln. „Er hat für den Klub heute Großes geleistet“, sagte Götz. Zuletzt war Schmidts Mitwirken bei den Profis wieder häufiger gefragt. Für seine Bundesligaeinsätze Nummer 174 und 175 hat er 21 Monate gebraucht, für die Einsätze 176 und 177 jetzt nur noch 14 Tage. „Wenn wir ihn gebraucht haben, war er da“, sagte Götz. Für ihn ist das eine komfortable Situation. Allerdings illustriert die Personalie Schmidt auch die Gefahren und Risiken, die Herthas Kader birgt. Selbst ein mäßiger Verletztenstand nötigt Götz bereits zu außerplanmäßigen Maßnahmen. Normalerweise bekommt die zweite Mannschaft Hilfe von oben, bei Hertha ist es umgekehrt. Dem Profikader fehlt der Mittelbau, die Spieler Nummer 12 bis 15, die zwar nicht in der Wunschelf des Trainers stehen und doch fast immer zum Einsatz kommen. In der vergangenen Saison hatte Hertha diese Spieler noch: Alexander Madlung, Thorben Marx, Oliver Schröder, Pal Dardai und vor allem Andreas Neuendorf. In der vergangenen Saison kam Neuendorf in 34 von 45 Pflichtspielen zum Einsatz, zehnmal stand er in der Startelf.

Andreas Schmidt wäre prädestiniert für die Rolle des zwölften Mannes, zumal er nach dem Spiel in Dortmund bei Falko Götz sein Interesse anmeldete, häufiger in der Bundesliga zu spielen. „Er ist sehr zuverlässig“, sagte Falko Götz, „aber er ist auch ein sehr wichtiger Bestandteil für unsere Ausbildungsmannschaft.“ Herthas U 23 steckt in der Regionalliga mitten im Abstiegskampf.

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