Sport : „Hilflos und dilettantisch“ Ein Headhunter beurteilt die Trainersuche des DFB

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Wie finden Sie die Bundestrainersuche des Deutschen FußballBundes?

Dilettantisch. Beckenbauer, Rummenigge, Mayer-Vorfelder, jeder diskutiert sein Wunschprofil öffentlich. Der gesamte Prozess wird von niemandem moderiert. Es wirkt hilflos.

Was empfehlen Sie dem Verband?

Man sollte ein Recruiting Committee bilden. Vier, fünf Leute, deren Aufgabe es ist, den neuen Bundestrainer zu suchen.

Das Präsidium will sich ja am Montag zusammensetzen. Was müssen die Verantwortlichen als Erstes tun?

Sie müssen das Stellenprofil besprechen: Was brauchen wir, welche Probleme wollen wir lösen, wer ist geeignet? Wichtig ist, dass sich die Protagonisten dann einigen und die Informationen vertraulich behandelt werden. Sonst gerät man in die Gefahr, dass jeder einzelne Kandidat in der Öffentlichkeit so diskutiert wird, dass er nicht mehr in Frage kommt. Wenn dann eine Entscheidung getroffen ist, hören auch die Diskussionen auf.

Welchen Sinn macht es, dass ein Einzelner das Verfahren an sich reißt, wie es DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder zuletzt getan hat?

Überhaupt keinen, das habe ich auch in der Industrie noch nie erlebt. In der Regel werden Spitzenkräfte durch ein eingespieltes Team aus Personalleitern, Aufsichtsräten und Vorständen gesucht. Ich glaube nicht, dass man aus eigener Machtvollkommenheit jemanden berufen kann.

Der DFB sucht nun jemanden, der Deutsch spricht. Macht das Sinn?

Nein. Der Otto Rehhagel spricht doch auch nicht Griechisch. Aber vielleicht muss ein Trainer mit der Mentalität der Spieler vertraut sein. Das ist in Deutschland vielleicht doch anders als in England, wo man den Schweden Sven-Göran Eriksson als Nationaltrainer hat. Übrigens habe ich es oft mit skandinavischen Kandidaten versucht. Viele Skandinavier denken sich in andere Kulturen besser rein.

Also Morten Olsen aus Dänemark?

Ja, das wäre einer. Der kennt auch die deutschen Verhältnisse aus seiner Zeit in Köln. Oder der Franzose Arsene Wenger. Aber das ist natürlich Wunschdenken.

Was bedeutet es, wenn ein Kandidat absagt, wie Ottmar Hitzfeld dem DFB?

Wenn man das Wunschprofil mit einem Kandidaten nicht erreicht, sieht man ganz genau, wo die Probleme des Unternehmens liegen. Dass der DFB jetzt verzweifelt einen Kandidaten sucht und den im deutschen Umfeld nicht findet, ist auch Ausdruck eines Strukturproblems.

Stört es, dass die Suche unter Beobachtung der Öffentlichkeit stattfindet?

Es hilft natürlich, wenn man die Sache vertraulich halten kann. Wenn nicht jeder wochenlang in der Presse ze`rrissen wird. Die öffentliche Suche erhöht auch den Druck auf die Entscheidungsträger.

Warum funktioniert die Kandidatensuche im Fußball nicht professioneller?

Ich habe mir 1995 schon Gedanken gemacht, als Otto Rehhagel Trainer von Bayern München geworden ist. Da hat man hinterher gesagt: Uns war gar nicht klar, wie unmodern der ist. Das ist doch eine klassische Frage: Hätte man nicht vorher diskutieren können, was will Bayern München, wie modern muss die Mannschaft sein? Wenn man dann erst einen Trainer gesucht hätte, wäre Otto Rehhagel von Anfang an rausgefallen. So wie nicht jeder Trainer zu jeder Mannschaft passt, passt nicht jeder Manager zu jedem Unternehmen.

Würden Sie dem DFB einen Headhunter empfehlen?

Auf jeden Fall. Vielleicht sogar einen ausländischen Headhunter. Es muss jemand sein, der diese Sache unbefangen angeht.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt

Hendrik Balinier (50) ist Partner im Berliner Büro der Personalberatung Heidrick & Struggles. Er beschäftigt sich seit 1985 mit der Suche nach Führungskräften in der Industrie.

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