Sport : Himmel und Hölle

Sechstage-Fans feiern Jens Fiedlers Abschied

Hartmut Moheit

Berlin - Wäre es nicht um Jens Fiedler gegangen, die fachkundigen Fans beim 94. Berliner Sechstagerennen hätten gnadenlos gepfiffen. Aber es war eben der dreimalige Sprint-Olympiasieger, der beim Keirin-Rennen aus einem Scheingefecht zwischen Sören Lausberg und André Wolf in der Zielkurve profitierte. Die Gegner wurden nach außen getragen, Publikumsliebling Fiedler zog innen vorbei und konnte sich als Sieger feiern lassen. Da half auch nicht der Hinweis des Hallensprechers, dass der Chemnitzer „seine ganze Routine ausgespielt hat“, in diesem Rennen des Rahmenprogramms erwiesen die ausnahmslos deutschen Sprinter einem ganz großen der Bahnradszene auf ihre Weise Anerkennung.

Sieben Mal konnte Fiedler bei den Berliner Sixdays die Gesamtwertung im Champions Sprint gewinnen, riss dabei mit Siegen gegen Weltklassefahrer die Zuschauer von den Sitzen. Das ist bei den Fans haften geblieben, das kleine Geschenk der Kollegen hat er sich redlich verdient. Die Pfiffe der 11 000 bekam auf der Showbühne Sänger Tony Christie, Pfui- und Buh-Rufe beendeten seinen Auftritt nach vier Songs und nicht, wie vorgesehen, erst nach 50 Minuten.

Gestern wurde der 34-jährige Jens Fiedler zum Ende noch einmal im Velodrom an der Landsberger Allee geehrt, heute wird er sich mit ein paar Ehrenrunden vom aktiven Wettkampfsport endgültig verabschieden. „Ich bin wahnsinnig stolz, aber der Abschied ist wie Himmel und Hölle zugleich“, sagt Fiedler. Beim Abschied vor einer Woche in Stuttgart war er sogar, von Emotionen übermannt, zusammengebrochen. 25 Jahre erfolgreicher Leistungssport haben tiefe Spuren hinterlassen.

Die Ovationen für Fiedler sorgen für eine besondere Stimmung, die nur noch beim Kampf der Sechstageprofis gesteigert wird. Wenn die Vorjahrssieger Robert Bartko und Guido Fulst attackieren, stehen die Fans vor Begeisterung. Mit den Schweizern Bruno Risi und Kurt Betschart sowie den Holländern Robert Slippens und Danny Stam kämpfen sie verbissen um jede Wertung. Vor der fünften Nacht (nach Redaktionsschluss beendet) läuft vieles darauf hinaus, dass wieder einmal erst die Finaljagd ab 22.35 Uhr über 60 Minuten die Entscheidung bringen wird. Im Vorjahr waren vor dem sechsten Tag noch vier Zweier-Teams in einer Runde, darunter ebenfalls Bartko/Fulst und Slippens/Stam.

„Nach meiner Verletzung musste ich mich erst wieder in Form fahren. Jetzt rollt es von Tag zu Tag besser“, sagt Fulst. „Wir wollen unbedingt den Vorjahreserfolg verteidigen.“ Der Höhepunkt steht nach dem Abschied von Jens Fiedler allen erst noch bevor.

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