Sport : Hin und her und her und hin

Zu DDR-Zeiten bildeten Dynamo Weißwasser und Dynamo Berlin die kleinste Eishockeyliga der Welt. Jetzt treffen die beiden Klubs als Lausitzer Füchse und Berliner Eisbären im Pokal aufeinander

Sven Goldmann[Weisswasser]

Es ist kalt in Weißwasser. Klaus Riehle steht im ehemaligen Präsidenten-Zimmer und schaut hinab auf das Freiluftstadion. 1959 war es das größte in ganz Europa, Walter Ulbricht kam zur Einweihung. Mächtige Kiefern umrahmen die steilen Stehränge. Ein malerischer Anblick, „aber vielleicht können wir wieder hinübergehen in die Geschäftsstelle“, sagt Riehle, „da wird geheizt, das können wir uns leider nicht in allen Räumen leisten“.

Klaus Riehle ist seit ein paar Monaten Präsident des ES Weißwasser, dessen Profimannschaft unter dem Namen Lausitzer Füchse in der Zweiten Eishockey-Bundesliga spielt. Bei seiner Amtsübernahme hat er vor allem Schulden vorgefunden. Ein Vergleich hat dem mit einer Million Euro verschuldeten Verein im Sommer den Gang in die Insolvenz erspart.

Weißwasser, die kleine Industriestadt im Nordosten Sachsens, war einmal eine geachtete Adresse in Europa. 25 DDR-Meisterschaften wurden hier gefeiert. Die Erinnerung daran ist so schön, dass sie am Dienstag die Zeit zurückdrehen wollen. Im Pokalspiel gegen die Eisbären aus Berlin werden die Spieler aus Weißwasser Trikots im Design der letzten Meisterschaft von 1990 tragen, inklusive Dynamo-Logo. Es sind alte Bekannte, die sich da am Dienstag treffen. Ihre Vorgänger, Dynamo Weißwasser und Dynamo Berlin, bildeten einst die kleinste Eishockeyliga der Welt. Die Berliner haben es nach der Wiedervereinigung mit amerikanischem Kapital zum Deutschen Meister gebracht. Weißwassers Füchse sind Tabellenletzter der Zweiten Liga.

Es gibt auch Gemeinsamkeiten. 16 Jahre nach der Wende rufen die Fans in Weißwasser: „Dynamo, Dynamo!“ Nicht so laut wie in Berlin, wo das Sportforum schon seit der Wende eine virtuelle Mini-DDR ist. Darin steckt auch ein bisschen Dankbarkeit. Ohne Dynamo wäre das Eishockey in der DDR eingegangen. 1969 hatte das Politbüro der SED auf Vorschlag des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR (DTSB) dem Eishockey aus Kostengründen die Förderung entzogen. Von Rudi Hellmann, damals Staatssekretär für Körperkultur und Sport, ist folgende Aussage überliefert: „Um Eishockey zu betreiben, benötigt man jährlich die Finanzen von etwa zwei hochseefischverarbeitenden Kühlschiffen. Also, liebe Sportler, was brauchen wir dringender: Eishockey oder Kühlschiffe?“

Das mit den Kühlschiffen leuchtete auch Erich Mielke irgendwie ein, aber auf Eishockey mochte er nicht verzichten. Also verfügte der Vorsitzende der SV Dynamo, seine beiden Klubs in Weißwasser und Berlin dürften weiterspielen. Da Mielke in seinem Hauptberuf als Minister für Staatssicherheit gewissen Einfluss hatte, mochte sich niemand seinem Wunsch entgegenstellen. Den allmächtigen DTSB-Chef Manfred Ewald belehrte er: „Ich weiß, Genosse Ewald, dass du gegen Eishockey bist, aber ich bin dafür. Es ist ein schöner Sport, der die Massen begeistert und auch die Spieler, und deshalb sollen sie spielen.“ Also spielten sie, 30 Jahre lang Weißwasser gegen Berlin, hin und her und her und hin. Auch die Sachsen vom Armee-Sportklub Crimmitschau hätten mitmachen dürfen. Doch ihr oberster Dienstherr, Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, war kein Eishockeyfan und ließ 1970 den Spielbetrieb einstellen.

Für Dynamo Weißwasser war Mielkes Machtwort ein Glücksfall. Mit ihren großen Braunkohlevorkommen war die Lausitz von staatstragender Bedeutung in einem Land, das seinen Energiehaushalt zu 75 Prozent mit Kohle speiste. Weißwasser wuchs von 17 000 auf 37 000 Einwohner an. Eishockey war gehobenes Unterhaltungsprogramm, bis zu 14 000 Zuschauer kamen ins Wilhelm-Pieck-Stadion. „Oft war das Stadion schon Stunden vor dem Spiel gefüllt“, erzählt Hans Frenzel, der 1954 aus Berlin nach Weißwasser kam. „Na, und Berliner hat man da nicht gern gesehen.“ Zu Beginn der Sechzigerjahre, als Frenzel schon wieder für Dynamo Berlin spielte, wurde seine Frau in Weißwasser vom örtlichen SED-Chef gebeten, die Tribüne zu verlassen. Sie hatte zu laut ein Berliner Tor bejubelt.

Zwischen 1951 und 1975 hieß der DDR-Meister ganze drei Mal nicht Weißwasser. Die Spieler standen in der gefühlten Hierarchie noch über der SED-Bezirksleitung. Torhüter Klaus Hirche etwa, der Mann mit der berühmten schwarzen Maske. Manfred Buder, damals einer der besten Verteidiger der Welt. Oder Joachim Franke, der erst für Dynamo Weißwasser stürmte und die Mannschaft später als Trainer zu vier Meisterschaften in Folge führte, bis er 1972 als Trainer zum Eisschnelllauf nach Berlin abkommandiert wurde. Heute trainiert er die Olympiasiegerin Claudia Pechstein.

„Früher wollte hier jedes Kind Eishockeyspieler werden“, sagt Klaus Riehle. „Auf jedem Teich haben sie gespielt, überall in den Straßen.“ Und heute? Riehle zuckt mit den Schultern. „Das ist bei uns so wie in vielen anderen Städten. Computerspiele, Internet und so weiter, die Kinder haben heute andere Interessen. Und es werden immer weniger.“ Junge Familien wandern ab aus der Lausitz, die nach dem Ende der DDR dramatische Änderungen erfahren hat. Die Braunkohle ist weitgehend abgebaut, von den einst 140 000 Bergarbeitern sind 7000 übrig geblieben. Aus Polen sind die ersten Wölfe in die Lausitzer Wälder zurückgekehrt. Die Tagebaugruben werden geflutet, es entsteht ein riesiges Seengebiet. 15 000 Einwohner sind fortgezogen, Plattenbauten an der Peripherie werden abgerissen, die Bundesregierung nennt das „Stadtumbau Ost“. 4500 Wohnungen müssen weg, das entspricht einer fünf Kilometer langen Front fünfgeschossiger Wohnblocks. Im Februar war Bundeskanzler Gerhard Schröder für ein paar Stunden in Weißwasser, im Freiluftstadion posierte er mit Nachwuchsspielern für ein Foto.

Die lokale Politprominenz hält sich bedeckt. Für Bürgermeister Hartwig Rauh ist Eishockey ein Kostenfaktor. Seit dieser Saison muss der Verein die Kosten für die städtische Eishalle selbst tragen, einen Zuschuss von 110 000 Euro verweigerte der Bürgermeister so lange, bis ihn der Stadtrat dazu verpflichtete. Zuvor hatte die Kommune 450 000 Euro jährlich investiert. „Diese Stadt hat doch nicht viel mehr als Eishockey“, sagt Manfred Buder. Der frühere Nationalspieler reist öfter in den Westen, „und wenn ich da erzähle, woher ich komme, fragen die Leute: Weißwasser – ist das nicht die Eishockey-Stadt?“

Es stand schon mal besser um die Eishockey-Stadt. Nach der Wende waren die Weißwasseraner wie die Rivalen aus Berlin in die Bundesliga aufgenommen worden. Dort hielten sie sich zwei Jahre, kehrten nach dem Abstieg noch mal für ein Jahr zurück, aber seitdem geht es bergab. „Wir können nicht fünf Jahre vorausplanen, es geht jede Saison ums Überleben“, sagt Präsident Riehle. „Bei den wirtschaftlichen Bedingungen hier ist es doch ein Wunder, dass es uns noch gibt.“ Immer mehr Bürger von Weißwasser beziehen Arbeitslosengeld II, immer weniger Kinder können sich die teure Eishockeyausrüstung leisten. Der Rotary Club finanziert vier Jugendlichen ein Eishockey-Stipendium für ein Jahr. Die Profimannschaft besteht je zur Hälfte aus eigenen Nachwuchsspielern und Zugereisten. Das Publikum ist jung und wütend. Am Freitag, beim letzten Heimspiel gegen Straubing, betraten viele Fans aus Protest gegen die schlechten Leistungen erst zehn Minuten nach Spielbeginn die Halle.

Jetzt aber kommt der alte Lieblingsfeind aus Berlin, und in Weißwasser herrscht noch einmal so etwas wie Eishockeyfieber. Die 2750 Karten für das Pokalspiel am Dienstag gegen die Eisbären sind seit Wochen vergriffen. Mehr passen nicht rein in die kleine Halle, die früher eine Eisschnelllaufbahn beherbergte und nach der Wende ausgebaut werden musste, weil für die Aufnahme in die Bundesliga eine Überdachung nötig wurde.

Im Freiluftstadion wird seit der Wende nicht mehr gespielt. Im Januar 1991 wollte der Klub für das Spiel gegen Köln noch einmal umziehen in die Stätte der alten Triumphe, 100 000 Mark standen für die provisorische Herrichtung bereit. Vier Tage vor dem Spiel las Kölns Trainer Hardy Nilsson den Wetterbericht und lehnte ab. Eishockey sei zwar ein Sport für Naturburschen, sagte Nilsson, aber bei Temperaturen unter null Grad sei die frische Luft doch ein bisschen sehr frisch. Es war schon immer kalt in Weißwasser.

0 Kommentare

Neuester Kommentar