Sport : Hindernislauf zum Aufstieg

Judith Sylvester ist in der Volleyball-Nationalmannschaft für die gute Laune zuständig – sie selber hatte nicht viel zu lachen

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Von Felix Meininghaus

Münster. Wer einen ersten optischen Eindruck von der Volleyballerin Judith Sylvester bekommen will, der sollte sich den Stern von vergangener Woche kaufen. Dort ist die Angreiferin von Bayer Leverkusen abgelichtet, ganz ohne Trikot, Hose und Knieschoner. Das Fotoshooting von Judith Sylvestern und ihren Mitspielerinnen war Teil der PR-Kampagne im Vorfeld der Frauen-WM.

Und seit die deutschen Frauen zwei Siege gelandet haben, im Fernsehen ausgiebig zu sehen sind und die Halle am Spielort Münster ausverkauft ist, sind die deutschen Frauen Gesprächsstoff. Judith Sylvester genießt die neue Popularität, „so groß wie im Moment war das Interesse an uns noch nie". Wobei die 1,93 Meter lange Nationalspielerin die Bedeutung der Nachfragen sehr wohl einzuschätzen weiß. Die Fotos im Stern seien „nicht mehr als ein Lockanreiz". Dabei gehe es beim Volleyball doch um „ mehr als nur um nackte Körper“. Judith Sylvester wünscht sich „vor allem, dass die Leute wissen wollen, wie Volleyball funktioniert“. Immer wieder würde sie Menschen über ihre Sportart berichten, die noch nicht einmal die rudimentären Grundregeln des Treibens am Netz verinnerlicht hätten: „Die denken, wir hampeln da ein bisschen rum." Seit die WM läuft und die Spielerinnen auch bei der harten Trainingsarbeit zu sehen waren, denken das allerdings weniger Leute als zuvor. Denn durch die Siege gegen Tschechien und Japan werden die Volleyballerinnen erheblich mehr als Sportlerinnen wahrgenommen als früher. Und das ist auch ein Verdienst der 25-jährigen Judith Sylvester, der Außenangreiferin auf der Diagonalposition. Zudem ist sie im Team für die gute Stimmung zuständig. Wenn sie bemerkt, dass es bei einer Mitspielerin nicht läuft, sagt sie Sätze wie: „Ey Keule, guck nicht so sparsam, hau rein jetzt.“

Begonnen hat sie ihre Laufbahn vor der Wende im Osten Berlins, in Marzahn. 1997 wechselte sie zum USC Münster, den sie nach der vergangenen Saison Richtung Leverkusen verließ. Solche Daten lassen auf einen geradlinigen Verlauf der Karriere schließen. Doch ganz so einfach war der Weg nach oben nicht. Mit 18 Jahren, als sie als eines der größten deutschen Volleyballtalente gehandelt wurde, erlitt Judith Sylvester einen epileptischen Anfall. Die Verunsicherung war groß, es folgten ein Monat im Krankenhaus, zahlreiche Untersuchungen und die Verabreichung verschiedener Medikamente. Ein halbes Jahr konnte Judith Sylvester nicht trainieren, ehe klar war, dass sie ihre Laufbahn bedenkenlos würde fortsetzen können.

Sie hat ihren Weg trotz aller Rückschläge gemacht. Wobei der Weggang aus Berlin entscheidend war. In Münster reifte sie unter Trainer Axel Büring zur Nationalspielerin. Der förderte seine Wunschspielerin nach Kräften, bis die Zusammenarbeit vor zwei Jahren stagnierte. „Ich hatte das Gefühl, es muss jetzt was Neues her“, sagt sie. Sie wechselte nach Leverkusen, weil dort Gudula Krause Trainerin ist. Die hat Sylvester als Mitspielerin in Münster schätzen gelernt, als Krause noch Gudula Staub hieß.

Aber erst mal ist die WM wichtiger. „Wenn wir die Endrunde erreichen, wäre das toll“, sagt Judith Sylvester, von einer Medaille zu reden hält sie dagegen „für zu weit gegriffen". Doch wer weiß: Wenn Deutschlands Volleyballerinnen auf dem Feld eine genauso gute Figur abgeben wie im Fotostudio, müsste sogar der große Wurf möglich sein.

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