Sport : Hinein ins Getümmel

Solomon Okoronkwo hat sich mit drei Toren als Joker für einen Platz in Herthas Anfangself empfohlen

Stefan Hermanns

Berlin - Solomon Ndubisi Okoronkwo ist ein furchtloser Mensch, in jeder Hinsicht. Mit 17 hat er seine Familie in Nigeria verlassen, um fortan auf einem fernen Kontinent, in einem fremden Land zu leben. In einem Land, dessen Sprache er weder sprach noch verstand. Okoronkwo hat sich davon nicht schrecken lassen, und auch auf dem Fußballplatz kennt er weder Angst noch Respekt. Vor drei Wochen, bei Herthas Spiel in Bremen, stellte sich ihm erst Werders Nationalverteidiger Per Mertesacker in den Weg, dann der Brasilianer Naldo – Okoronkwo umkurvte beide und traf mit einem platzierten Schuss zum 2:3 ins lange Eck. Solomon Okoronkwo war eine halbe Stunde zuvor eingewechselt worden.

Vier Tore hat der Nigerianer in dieser Saison bereits für Hertha BSC erzielt, drei davon als Joker. „Man muss sich schnell an den Spielrhythmus anpassen“, sagt Hans-Jörg Criens, der nicht nur einer der erfolgreichsten Einwechselspieler der Bundesligageschichte ist (siehe Kasten), sondern auch so etwas wie der Urvater aller Joker. Zumindest glaubt Criens sich zu erinnern, dass der Ausdruck Joker für ihn zum ersten Mal verwendet wurde. Im Frühjahr 1984 war das. Criens, damals 23 Jahre alt und bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag, wurde im Pokal-Halbfinale gegen Werder Bremen kurz vor Schluss eingewechselt. In der Nachspielzeit rettete er seine Mannschaft mit dem Tor zum 4:4 in die Verlängerung, mit dem 5:4 schoss er Gladbach ins Finale. Kurz darauf illustrierte das Aktuelle Sportstudio einen Bericht über Criens mit einem Kartenspiel und machte ihn zum Joker.

In den ersten beiden Jahren als Profi erzielte Criens fünf Tore – alle noch Einwechslungen. Noch heute erinnert man sich eher an seine 14 Jokertore als an die 80 Treffer, die er in zehn Jahren als Stammspieler erzielte. Criens besaß die spezielle Qualität, die ein Joker braucht: „Ich konnte mich, ohne großes Gedankengut zu verschwenden, sofort in ein Spiel reinstürzen.“ Vielleicht verfügt auch Solomon Okoronkwo über genau diese Eigenschaft. Sein erstes Pflichtspieltor für Hertha erzielte der Nigerianer ebenfalls nach einer Einwechslung: In der Uefa-Cup- Qualifikation gegen Ameri Tiflis traf er im Sommer 2006 in letzter Minute zum 1:0.

„Der hat was, der gibt nie auf“, sagt Trainer Lucien Favre, unter dem Okoronkwo zuletzt einen deutlichen Qualitätssprung gemacht hat. Er habe immer wieder Extra- schichten eingelegt, berichtet der Stürmer. Vor allem den Abschluss hat Favre ihn intensiv üben lassen. Mit Erfolg. „Er macht noch viele Fehler“, sagt Manager Dieter Hoeneß über Okoronkwo. „Aber er macht auch schon vieles richtig.“

In den zwölf Spielen dieser Saison stand Okoronkwo elfmal auf dem Platz, neunmal allerdings wurde er nur eingewechselt. Als Favre zuletzt Marko Pantelic als einzige echte Spitze aufbot und Tobias Grahn als hängenden Halbstürmer dahinter, war für Okoronkwo kein Platz. Doch Grahn hat sich mit seinem trägen Spiel nicht gerade für weitere Einsätze empfohlen, und im Heimspiel gegen Hannover 96 bleibt Favre eigentlich gar nichts anderes übrig, als mit zwei Stürmern zu beginnen. Gut möglich also, dass Okoronkwo heute in der Anfangself steht.

Mit seinen Jokertoren hat sich der 20-Jährige zumindest für mehr empfohlen. Und genau darum geht es doch. Für junge Stürmer wie Okoronkwo ist es der normale Weg, sich als Torschütze von der Bank in die Mannschaft zu spielen. Das war schon bei Hans-Jörg Criens so. Kaum hatte er zum ersten Mal als Joker getroffen, durfte er im nächsten Spiel von Anfang an ran. Aber gerade für junge Stürmer ist es manchmal einfacher, erst mit Verspätung aufs Feld zu kommen. Die taktischen Restriktionen sind dann oft schon aufgehoben, vielleicht lässt auch die Konzentration der Verteidiger ein wenig nach. „In den Achtzigerjahren war das sicher so“, sagt Criens. „Aber nach der heutigen modernen Trainingslehre dürfte heute doch keiner mehr müde sein.“

Unter den besten 20 Jokern der Bundesligageschichte sind vier Spieler, die noch in Deutschland aktiv sind: Thomas Brdaric von Hannover 96 (zwölf Tore), Paolo Guerrero vom HSV (elf), Mamadou Diabang, der jetzt für Augsburg in der Zweiten Liga spielt, und Nelson Valdez von Borussia Dortmund (je zehn). Doch nicht aus jedem Joker wird auch ein richtiger Stürmer. Valdez zum Beispiel flüchtete von Werder Bremen, weil er dort hinter Klose und Klasnic nur die Nummer drei war und in Dortmund bessere Möglichkeiten für sich sah. Seit seinem Wechsel vor anderthalb Jahren hat er ganze zwei Tore für den BVB erzielt. Beide als Joker.

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