Sport : Hingucken verboten

Beim Duell des Deutschland-Achters mit Kanada ist entscheidend: Wer verliert zuerst die Nerven?

Frank Bachner

Berlin - Michael Ruhe würde gerne einmal mit den Kanadiern ein Bier trinken. Das geht aber nicht. „Nach den Regatten reisen wir meist sofort ab, da fehlt die Zeit.“ So kann der Schlagmann des Deutschland-Achters nur beobachten, wie die anderen ihre Boote verstauen oder miteinander Späßchen treiben. Und natürlich wie sie ihr lässiges Selbstbewusstsein demonstrieren. Die Kanadier sind schließlich Siegertypen, Stars der Ruderszene. Und weil sie sich nicht so richtig näher kommen, die Deutschen und die Kanadier, verringert sich auch nicht dieser Respekt, den sie voreinander haben. Die Deutschen vor den Kanadiern derzeit allerdings mehr als umgekehrt.

Denn der Deutschland-Achter hat seit 2002 die meisten Rennen gegen Kanada verloren. Im Mai, in Duisburg, gab es sogar ein Debakel. Fünf Sekunden Rückstand. In München, beim Weltcup vor zwei Wochen, waren es wenigstens nur noch zwei Sekunden Rückstand. Und an diesem Wochenende, auf dem Rotsee bei Luzern, will das deutsche Flaggschiff endlich siegen. Gestern zog das Boot souverän ins Finale ein. Es geht um einen Test für Olympia. Vor allem aber geht es ums Prestige. Und um Psychologie.

Andere Nationen sind ebenfalls stark. Aber Kanadas Achter ist eine Provokation. Wegen des Ruderstils. „Wie vor 100 Jahren“, sagt Bundestrainer Dieter Grahn. Diese weite Rücklage, dieses seltsame Pendeln beim Schlag, schrecklich, sagen Experten. Aber sie sind schnell mit diesem Stil, die Kanadier. Sie gehen volles Risiko, rudern von Beginn an mit Maximalkraft und hoffen, dass sie erst im Ziel zusammenbrechen.

Die Deutschen rudern ästhetisch sauber, sie haben in Michael Ruhe einen Mann mit viel Feingefühl am Schlag, sie haben „sogar bessere Kraftwerte als die Kanadier“ (Ruhe), aber sie verlieren. „Und deshalb kommt es auf diesem Wettkampfniveau auf die Psychologie an“, sagt Ruhe. Auf die Frage: Wer verliert zuerst die Nerven? Bei etwa 1000 Metern, bei der Hälfte der Strecke, beginnt die Pokerei. Die Kanadier liegen da meist vorne, sie starten viel schneller. Und ihren Vorsprung setzen sie als Druckmittel ein. „Eine halbe oder eine dreiviertel Länge Rückstand ist noch aufzuholen“, sagt Ruhe. Aber ist es nur eine halbe Länge? Oder doch mehr? Erschreckend mehr? Der Steuermann brüllt ihnen über vier Boxen im Boot den Abstand zu. Aber der Drang, den Kopf zu wenden, rüberzuschauen, ist trotzdem enorm, sagt Ruhe. Der Gegner wartet nur darauf. Wenn es einer macht, hat sein Boot fast schon verloren. „Einmal rüberschauen bedeutet: drei Schläge Geschenk für den Gegner“, sagt Ruhe. Erst nach drei Schlägen hat eine Crew wieder ihren Rhythmus gefunden. „Man muss sich zwingen, nicht zu schauen“, sagt Ruhe. Deshalb macht er, wie andere auch, autogenes Training.

Ruhe weiß, wie er sich fühlt wenn beim Gegner einer die Nerven verliert und sein Steuermann triumphierend brüllt: „Die wackeln.“ Er kann kurz die Schmerzen verdrängen, der Spruch wirkt wie ein Kick. Aber er möchte auch erleben, dass die Kandier mal wackeln. Doch die haben in dieser Saison noch nie verloren.

Bei der WM 2002 haben sie die Nerven verloren, die Deutschen. Sie machten einen langen Schlussspurt, aber die Kanadier ließen sich nicht abhängen. „Da gingen die letzten fünf Schläge völlig daneben“, sagt Ruhe. Kanada wurde Weltmeister, Deutschland Zweiter. Bei der WM 2003 war alles noch schlimmer. Kanada Erster, Deutschland Letzter. Anfang 2004 verlor Ruhe seine Position als Schlagmann. Nun testete Grahn stärkere Leute auf der Position. Es ging schief, seit München sitzt Ruhe wieder am Schlag. Der redet jetzt vom „Olympiasieg“.

Ein Sieg auf dem Rotsee wäre ein guter Schritt dahin. Er wäre wichtig für die Psyche. Nur dort können die Deutschen einen Vorteil herausholen. In einem anderen Punkt sind Kanadier und Deutsche gleichwertig: „Du musst bereit sein, dich am Ziel zu übergeben“, sagt Ruhe. „Aber das haben wir alle längst akzeptiert.“

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