Hinrunden-Bilanz : Hertha überschlägt sich

Trotz des Ausscheidens im Uefa-Cup boten die Berliner eine gute Hinrunde. Michael Rosentritt und Claus Vetter erklären, wie es dazu kommen konnte.

Michael Rosentritt,Claus Vetter
Kacar
Neuzugang Kacar glänzte bei Hertha nur selten. -Foto: dpa

Mit neuen Ideen ist Hertha BSC in diese Saison gestartet. Und im Vergleich zur Vorsaison konnte die Mannschaft das Versprechen von einer guten Zukunft erfüllen. Nach 17 Spieltagen ist Hertha als Tabellendritter der Bundesliga nur zwei Punkte hinter Hoffenheim und Bayern München. Wir nennen zehn gute Gründe für Herthas erstaunliche Bilanz nach der Hinrunde – und eine Erklärung, warum es im Uefa-Cup bei den Berlinern nicht geklappt hat:

Der Trainer: Lucien Favre hat ein Eingewöhnungsjahr benötigt. Vergangene Saison noch philosophierte der Trainer gern laut über das Leben und den Fußball und redete von Herthas glorreichen Perspektiven. Dabei kannte der Schweizer die Bundesliga viel weniger gut, als er und seine Vorgesetzten glaubten. Doch in dieser Saison hat er sein taktisches und strategisches Koordinatensystem den deutschen Bedingungen angepasst. Er weiß jetzt, die Härte und die Schlagzahl der Bundesliga besser einzuschätzen. Mittlerweile hat er der Mannschaft eine gewisse Struktur gegeben. Im Spielstil der Mannschaft ist seine Handschrift erkennbar.

Die Verstärkungen: Der ausgeliehene Brasilianer Cicero, Gojko Kacar und Maximilian Nicu erwiesen sich als Verstärkungen. Sie wurden Stammspieler, weil sie die Qualität der Mannschaft punktuell heben konnten. Mit Abstrichen trifft das auch auf Leihspieler Andrej Woronin zu, der zwar drei Tore erzielte, aber ein Vielfaches an Chancen ausließ. Gute Ansätze ließ auch Waleri Domowtschiski erkennen, der ebenfalls auf drei Treffer kam. Der aus Rostock geholte Marc Stein wurde Stammspieler – allerdings nur, weil es auf seiner Position auf der linken, defensiven Außenbahn keine echte Alternative gibt. Neuerwerb Kaka kann man nur Mitläuferqualitäten attestieren.

Die Emanzipation von Pantelic: Ein starkes Plus der neuen Hertha. Endlich lastet der Druck des Toreschießens nicht mehr allein auf Marko Pantelic. Hertha ist nun auch aus dem Mittelfeld heraus torgefährlich. Sowohl Kacar (5 Tore) als auch Cicero (5) waren als Mehrfachtorschützen erfolgreich. Bei Cicero ist es vor allem die Kopfballstärke, bei Kacar der Abschluss mit dem Fuß.

Die Entwicklung bisheriger Spieler: Lucien Favre ist es gelungen, bei Arne Friedrich, Josip Simunic und Jaroslav Drobny verschüttliegendes Potenzial zu reanimieren. Ähnliches gilt für Pal Dardai, der eigentlich schon keine Rolle mehr spielte, in den vergangenen Monaten aber wieder zu jener Form fand, die ihn bereits vor zehn Jahren für Hertha wertvoll machte. Allerdings gab es auch einen gegenläufigen Trend. Spieler wie Steve von Bergen und Fabian Lustenberger stagnieren im zweiten Jahr unter Favre. Ähnlich verhält es sich mit des Trainers Liebling. Raffael erfüllt lange nicht die Erwartungen. Der Brasilianer brachte es zwar auf 16 Einsätze, wurde dabei allerdings einmal ein- und zehnmal ausgewechselt.

Die Spielweise: Im Wesentlichen agiert Hertha in einem 4-4-2-System, wobei Favre in dieser Saison sehr viel mehr Wert auf die defensive Stabilität legte. Da das entscheidende Defensivdreieck aus Torwart und Innenverteidigung funktionierte, bekam Herthas Spiel insgesamt mehr Stabilität. Zudem haben viele im Kader die Spielphilosophie des Trainers verinnerlicht. Hertha spielt ein engagiertes Pressing, wirkt gut organisiert auf den meisten Positionen und ist bei Ballbesitz in der Lage, schnelle Angriffe zu initiieren. Hertha spielt zwar keine 90 Minuten auf hohem Niveau, ist aber in der Lage, in zehn guten Minuten den Gegner zu überraschen und ein Spiel zu entscheiden, wie zum Beispiel beim 1:0-Sieg in Leverkusen oder beim 2:1 gegen den HSV.

Das Selbstbewusstsein: Die Mannschaft erzielt mehr Tore aus Kombinationen und ist in der Lage, gut zu verteidigen. Dieses Wissen hat das Team einen Tick selbstbewusster werden lassen. Mit anderen Worten: Hertha ist schwerer zu schlagen als in der Vergangenheit. Denn die Mannschaft hat es mehrheitlich verstanden, so zu spielen, dass fast kein Gegner die Berliner Bestform erreichte. Ausnahmen waren die Bayern (1:4) und Bremer (1:5), die neun Tore gegen Hertha erzielten.

Der Kapitän: Hertha mangelte es vergangene Saison an einer Führungsfigur. Diese Rolle hat Arne Friedrich übernommen, auch wenn er sich als Mannschaftskapitän mitunter noch zu sehr in der Innenverteidigung versteckt. Aber: Der Kapitän, dessen Vertrag gestern verlängert wurde, ist an seiner Aufgabe gewachsen. Er gibt deutlich häufiger als in der Vergangenheit Kommandos und zeigt auch mal Emotionen.

Die Auswärtsstärke: Die Berliner sind kein gern gesehener Gast: Von acht Auswärtsspielen haben sie in dieser Saison nur drei verloren, aber viermal gewonnen und einmal Unentschieden gespielt. Diese Bilanz belegt eine deutliche Steigerung, denn in der gesamten vergangenen Saison gewann Hertha von 17 Auswärtsspielen nur drei.

Die späten Tore: Neun von 27 Treffern erzielte Hertha in den letzten sechs Spielminuten. Die Schlussphase gehört oft den Berlinern, das ist eine echte Qualität. Die Mannschaft wirkt physisch fit, ein Resultat klugen Trainings. Und: Favre wechselt gut ein. Oder wie Manager Dieter Hoeneß es sagt: „Mit der Bank können wir was bewegen.“

Das Glück in der Bundesliga: Dazu nur eine Aussage des Kapitäns Arne Friedrich: „Wir haben ein paar Spiele gewonnen, wo wir anschließend nicht wussten, wie wir das gemacht haben.“

...und das Unglück im Uefa-Cup: Der Abschied aus dem Uefa-Cup am Donnerstag beim 0:4 bei Olympiakos Piräus war ein Dämpfer am Ende eines guten Halbjahres für Hertha. Ohnehin nur über die Fair-Play-Wertung in den Wettbewerb gerutscht, präsentierte sich Hertha in Europa harmlos: Nur ein Tor in vier Gruppenspielen ist Beleg für zu wenig Drang. Für internationale Aufgaben scheint Favres Mannschaft noch nicht reif genug zu sein. Darum ist es vielleicht sogar gut, dass sich die Berliner nun auf ihre nationalen Aufgaben konzentrieren können.

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