Sport : Hinten sicher, vorne hilft der liebe Gott

Nach den Siegen gegen Malta und die Schweiz ist eines gewiss: Deutschlands Erfolg hängt von Ballack ab

Michael Rosentritt[Basel]

Als die Leute vom Fernsehen im Keller vor den Kabinen des Stadions nach Oliver Kahn verlangen, bedient sich Gerhard Meier-Röhn der Kunst der Ausrede. Der Sprecher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sagt, Kahn befinde sich oben im Baseler St.-Jakob-Park bei der Pressekonferenz, aber das ist geschwindelt. Der Torwart der deutschen Nationalmannschaft will nach dem 2:0 gegen die Schweiz nichts sagen und sitzt schon im Mannschaftsbus. Gerhard Meier-Röhn geht noch einmal nachsehen, bringt aber nur Gerhard Mayer-Vorfelder mit. „So eindeutig, wie es das Ergebnis aussagt, war der Sieg nicht“, kommentiert der Präsident des DFB und findet, ein 1:0 hätte es besser getroffen.

Mit einem solchen Ergebnis hat es die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Vergangenheit recht weit gebracht. Und deshalb kann die Devise des Teams von Rudi Völler wenige Tage vor der Europameisterschaft in Portugal nur lauten: Hinten zu null spielen, und vorne irgendwie ein Tor erzielen. Bei der WM in Asien ist Deutschland so bis ins Finale gekommen – relativ schmucklos, relativ unaufgeregt, relativ gefahrlos. „Wir haben wieder zu null gespielt“, sagte etwa Michael Ballack. „Das wollten wir.“ Doch dieses Mal waren es nicht wie bei der WM viele Heldentaten von Oliver Kahn, die Deutschland vor Gegentoren bewahrten, sondern die Tatsache, dass die Schweizer fünf sehr gute Chancen nicht zu nutzen wussten. Mochte Kahn deshalb nichts sagen oder nur deshalb nicht, weil er keine Lust hatte, Fragen nach einem Vereinswechsel zu beantworten? Im Spiel jedenfalls hatte der Mannschaftskapitän zwar keine Fehler gemacht, dafür wirkte er speziell bei hohen Flankenbällen nicht sicher.

„Ich denke nicht, dass wir absolut beruhigt sein können“, sagte hinterher Jens Nowotny. Leverkusens Abwehrchef bezog sich auf Szenen, in denen die Schweizer die deutsche Abwehr einige Male in Verlegenheit gebracht hatten. Die Gastgeber spielten flotter und beweglicher. Man habe in einigen Phasen des Spiels gemerkt, dass „uns die Frische fehlt“, sagte Völler. Ob die fehlende Frische auf das Training zurückzuführen ist, wie Völler zu erklären versuchte, ist zweifelhaft. Denn auch die Schweizer, die sich ebenfalls für die EM qualifiziert haben, „trainierten zuletzt viel“, wie Trainer Jakob Kuhn vieldeutig einwarf. In Wirklichkeit ist es wohl so, dass das Spiel einer deutschen Mannschaft immer etwas statischer wirkt. Zwar ist Fußball ein Bewegungsspiel, doch Völlers Philosophie ließe sich auf einen, von ihm oft gesagten Satz reduzieren: „Wir müssen gut STEHEN.“ Das ist quasi eine gewachsene Grundüberzeugung, eine, die Gründe hat. Der wichtigste: Er hat nicht die Spieler für ein anderes, beweglicheres Spiel. Er hat nur Michael Ballack.

Da sich die Deutschen gegen die Schweiz kaum zwingende Torchancen erarbeiteten, wurde erneut Kritik an Ballack laut. Dabei ist Ballack mit 19 erzielten Treffern torgefährlicher als jeder Stürmer im Nationalteam. Doch der Münchner Mittelfeldspieler soll nach Meinung der Kritiker ein Multifunktionsspieler sein. In Ermangelung besserer Möglichkeiten soll Ballack das Spiel von hinten aufbauen, es im Mittelfeld lenken und vorn auch noch erfolgreich zum Abschluss bringen. Nach Meinung Völlers ist Ballack aber am wertvollsten, wenn er direkt hinter den Spitzen spielt, sodass er „kürzere Wege bis in den gegnerischen Strafraum hat, wo seine eigentlichen Qualitäten zum Tragen kommen“. Gegen die Schweiz hatte Völler durch die Hereinnahme von Frank Baumann für Torsten Frings eine zusätzliche Absicherung eingebaut, die nicht mal eine halbe Halbzeit lang klappte. Der Bremer sicherte zwar Ballack nach hinten ab, nur konnte er nicht dessen Aufgaben im Spielaufbau erfüllen. Auch Bernd Schneider gelang das nicht. Ballack ließ sich wieder tief in die Hintermannschaft fallen und fehlte vorn. Dort aber, das zeigten die beiden Testspiele, wird er am dringlichsten gebraucht. Nur drei der letzten neun Tore schossen Stürmer, vier schoss Ballack.

Stuttgarts Kevin Kuranyi erzielte gegen die Schweiz zwei schöne Tore, doch sind Völlers Sorgen im Sturm damit nicht verschwunden. Die Schweizer habe man als Testspielgegner ausgesucht, weil ihr Spielsystem dem der Holländer ähnelt. Doch die Spieler des ersten EM-Gegners sind individuell viel stärker. Die Holländer werden nicht viele Chancen benötigen, um Tore zu erzielen, und sie werden Völlers Team kaum zum Toreschießen einladen, wie am Mittwoch die Schweiz. Wenn es klappen kann, dann nur mit der WM-Taktik: hinten ein sicherer Kahn und vorne ein gefährlicher Ballack.

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