Sport : Hinter weißen Plastikbahnen

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Stefan Hermanns über deutsche Fußballer und japanische Gastgeber

Am sechsten Tag haben die Japaner es einfach aufgegeben. Jetzt winkt niemand mehr, wenn der Bus mit den deutschen Nationalspielern am Trainingsplatz vorfährt. Von den Nationalspielern winkt niemand. Die meisten gucken ihrem Vordermann auf den Nacken, während der Bus hinter weißen Plastikbahnen verschwindet. Die Spieler gehen – hinter weißen Plastikbahnen – auf den Platz und trainieren dann auch hinter weißen Plastikbahnen. An den Straßen in Seagaia stehen zwar Schilder, die den Weg zum Trainingsplatz der Deutschen weisen. Ihre ausschließliche Funktion aber ist, den potenziellen Schaulustigen zu verkünden, dass das „closed training“ sei. Und zwar immer.

Japaner sind höfliche Menschen, ihre Sprache kennt zwar auch ein Wort, das im Deutschen mit nein übersetzt werden kann, aber die Japaner benutzen es nicht. Stattdessen sagen die Japaner ständig hei. Hei heißt ja, und manchmal sagen die Japaner hei, obwohl sie nein meinen. Wenn Yashuhiko Okudera also sagt: „Die Deutschen müssten noch ein bisschen freundlicher sein“, so ist das für japanische Verhältnisse eine fast schon bissige Kritik an der Nationalmannschaft. Okudera war in den Siebzigerjahren der erste japanische Profi in der Bundesliga. Er hat beim 1. FC Köln gespielt, ein halbes Jahr bei Hertha BSC und zum Schluss noch bei Werder Bremen. Heute ist er Kommentator beim japanischen Fernsehen und darf deshalb beim deutschen Training am Spielfeld stehen. Seine Landsleute dürfen das nicht. „Viele warten darauf, die deutschen Spieler zu sehen“, sagt Okudera. Sie warten vergeblich. Nach dem Training steigen die Fußballer in ihren Bus, damit sie in ihr 500 Meter entferntes Hotel gefahren werden.

Intensiver Kontakt der Nationalspieler mit der einheimischen Bevölkerung ist nicht vorgesehen. Dabei sagt Oliver Kahn: „Es macht Riesenspaß, hier in Japan zu sein. Die Leute sind unglaublich angenehm.“ Allerdings fragt man sich: Woher will er das eigentlich wissen? Offensichtlich sieht die deutsche Teamleitung ihre Repräsentationspflichten gegenüber dem Gastgeberland durch das Freundschaftsspiel der Nationalelf gegen eine Schülerauswahl aus Miyazaki als erfüllt an. Für Michael Skibbe, den Bundestrainer, war das „die viel bessere Image- und Öffentlichkeitswerbung“, als wenn der Trainingsplatz auch für japanische Zuschauer gelegentlich geöffnet würde. Schließlich könnten sich die Nationalspieler möglicherweise gestört fühlen. Das wäre vielleicht der Fall, wenn Hundertschaften zuschauten, doch im Moment kommen allenfalls zehn bis zwölf Schaulustige, um dem „äußerst spannenden Ereignis „Einfahrt des Mannschaftsbusses“ beizuwohnen. Die Zahl der Ordner und Aufpasser jedenfalls liegt deutlich höher.

Pierre Littbarski, der 1990 zusammen mit dem heutigen Teamchef Rudi Völler Weltmeister geworden ist und sieben Jahre lang in Japan gelebt hat, hält es nicht für besonders geschickt, wenn sich die Nationalmannschaft „abschottet wie Rockstars". Es sei ganz wichtig, dass sich die Deutschen richtig verhielten, „dann können wir uns unheimlich Freunde machen". Danach sieht es im Moment nicht aus. Zumal Bundestrainer Skibbe gestern in der Pressekonferenz einen Satz gesprochen hat, der den Japanern nicht besonders gut gefallen wird: „Japan ist nicht unbedingt das Land, wo man immer seinen Urlaub verbringen möchte."

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