Sport : Hinterher gesprintet

Die deutschen Eisschnellläuferinnen kommen nicht in Schwung: Jenny Wolf wird über 500 Meter nur Sechste

Andreas Morbach[Turin]

Die scheue Art der Jenny Wolf scheint sich in den letzten Jahren bis nach Italien herumgesprochen zu haben. Als sich die 27-jährige Eisschnellläuferin aus Berlin immerhin als Medaillenhoffnung auf der 500-Meter-Strecke gestern im Oval Lingotto für ihr erstes Finalrennen bereit machte, setzte der offizielle Kameramann die Japanerin Tomomi Okazaki ins Bild. Dabei ist es sein eigentlicher Job, die jeweils aktuellen Starterinnen vorzustellen.

Der medienscheuen Wolf wird dieses ungehörige Verhalten vermutlich ganz recht gewesen sein. Später allerdings war die Weltcupführende über 100 und 500 Meter doch noch groß auf der Leinwand im Stadion zu sehen: wie sie kopfschüttelnd übers Eis kurvte, geknickt wegen ihres ersten Laufs. Nur Siebte war sie danach, auf dem sechsten Gesamtplatz landete sie schließlich nach dem entscheidenden zweiten Durchgang. Olympiasiegerin wurde Swetlana Schurowa aus Russland vor der klar favorisierten Chinesin Manli Wang. Und Bronze holte sich deren Landsfrau Hui Ren – jenes Stück Edelmetall, das sich Jenny Wolf nach ihren Erfolgen in dieser Saison selbst zugetraut hatte.

Nach dem Schreck über die verpassten Medaillen von Anni Friesinger und Claudia Pechstein über 3000 Meter am Sonntagabend muss sich der deutsche Verband langsam wohl an Misserfolge gewöhnen. Die Ursachenforschung hatte ja schon am Sonntag begonnen, und sie wird auch dann weitergehen, wenn Deutschlands Eisschnellläuferinnen heute Nachmittag beim Teamwettbewerb wie erwartet den Sprung ins Finale am Donnerstag schaffen sollten.

„Ich fühle mich in der Form meines Lebens“, hatte Jenny Wolf vor dem Start in ihrer Spezialdisziplin noch verkündet. Doch statt der erhofften „besten Läufe meines Lebens“ schaffte die Berlinerin lediglich eine Zeit, die fast eine Sekunde unter ihrer persönlichen Bestzeit lag. Der zweite Versuch lief dann besser, doch die Gelegenheit, den Durchhänger von Friesinger und Pechstein auszunutzen und für einen Tag aus dem Schatten der beiden Stars zu treten, hat Jenny Wolf gestern klar verpasst.

Die Studentin der Literaturwissenschaften, Linguistik und Soziologie tritt nicht gern in der Öffentlichkeit auf. Die Fragen nach der verpassten Medaille beantwortete die Berlinerin deshalb nur knapp: „Ich bin schon ein bisschen traurig.“ Dann verschwand sie wieder im Schatten der Stars.

Weitere Informationen im Internet:

www.tagesspiegel.de/olympia

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